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Jes. 63, 15-64, 4a

Klagepsalm aus dem Buch des Propheten Jesaja 63,15-64,4a, nach eigener Übersetzung
Blicke auf vom Himmel und schaue von deiner heiligen und herrlichen Wohnung. Wo ist dein Eifer und deine Macht, wo deine große Barmherzigkeit? Halte dich nicht zurück. Denn du bist unser Vater. Denn Abraham weiß nichts von uns und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater, „unser Erlöser“ ist von alters her dein Name. 
Warum hast du uns abirren lassen, Herr, von deinen Wegen und unsere Herzen verhärtet, daß wir dich nicht fürchten? Kehre um, um deines Knechtes, der Stämme deines Erbbesitzes willen. Warum haben Gewalttätige dein heiliges Volk vertrieben, unsere Feinde deine heilige Stätte zertreten? Wir sind geworden, wie solche, über die du von Ewigkeit her nicht geherrscht hast, über die dein Name nicht ausgerufen wurde.
Ach, wenn du doch den Himmel aufreißen würdest und du hinabsteigen würdest - vor deinem Angesicht würden Berge erbeben, wie Feuer Reisig entzündet Feuer Wasser zum überko-chen bringt. Tue deinen Namen kund unter deinen Feinden, vor dir würden die Völker erzittern, indem du Furchterregendes tust, das wir nicht erwarten, das wir von Ewigkeit nicht hörten. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der handelt, für den, der auf ihn harrt. Du suchst gnädig heim diejenigen, die Gerechtigkeit üben, die sich deiner Wege erinnern.

Gnade sei mit uns ...
Etwa 2500 Jahre alt ist dieser Klagepsalm aus dem alten Testament. Doch trotz seines hohen Alters sind die Worte dieses Psalmes nicht überholt; es sind Gedanken, die auch heute noch von uns mitgesprochen werden können. ,Herr, wo ist dein Eifer und deine Macht, wo deine große Barmherzigkeit?' Mit diesen Fragen hat das alte Israel seine Not vor Gott gebracht, als sie aus dem vor urzeiten verheißenen Land vertrieben wurden, und als sie damit leben mußten, das ihr Tempel in Jerusalem zerstört war und mit dem Tempel die Mitte ihres religiösen Lebens. Die Menschen haben mit diesen bedrängenden Worten zu Gott gerufen, weil sie mit der Wirklichkeit ihrer Welt nicht mehr zurecht kamen. Sie haben Erfahrungen machen müssen, die sie nicht mehr verbinden konnten, mit dem, was sie glauben, mit dem, was sie von ihrem Gott und seinem Handeln in der Welt wissen. Es waren Menschen, die sich von Gott verlassen fühlten, die Gott in ihrem Leben nicht mehr erblicken konnten.
Die historischen Ereignisse der damaligen Zeit sind uns sehr fern, aber nicht die Glaubenserfahrungen der Beter, die Erfahrungen der Gottesferne in unserer Welt.
Wir sehen Menschen im Krankenhaus liegen, von Krebs und Therapien gezeichnet; Kinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen. Wir sehen ihr Leiden und es macht uns stumm. Wir stehen hilflos und ohnmächtig dieser Situation gegenüber, ja oft ist uns kein klarer Gedanke mehr möglich. Herr, unser Gott, wo ist dein Eifer und deine Macht, wo ist deine große Barmherzigkeit?
Menschen leben in tiefer Einsamkeit, in Verzweifelung und Ausweglosigkeit, ohne Hoffnung auf ein Morgen, und niemand ist da, der ihnen zeigt, daß sie geliebt sind, daß sie gebraucht werden und etwas wert sind. Herr, wo ist dein Eifer und deine Macht, wo ist deine große Barmherzigkeit?
Und wenn wir über unseren kleinen Lebenskreis hinausschauen: mit wieviel Leid und Elend werden wir jeden Tag konfrontiert. Wir sehen die Bilder von den Krieggebieten in Tschetschenien, wir haben die Not der Menschen in Serbien, Bosnien, Kroatien vor Augen, wir hören davon, dass Menschen Menschen guälen. Herr, wo ist dein Eifer, wo ist deine Macht, wo ist deine große Barmherzigkeit?
Und wir sehen, dass wir Menschen die Natur zerstören, und Katastrophen verschiedenster Art schaffen unendliches Leid für Menschen, Tiere und die Natur. Herr, wo ist dein Eifer, wo ist deine Macht, wo ist deine große Barmherzigkeit?
Liebe Gemeindeglieder!
Die Frage ,Wo ist Gott' ist nicht nur eine Frage von Atheisten. Auch gläubige Menschen rufen und fragen: Gott, wo bist du? Ja, es sind häufig gerade die Glaubenden, die diese Frage bedrängt und sie in Glaubenszweifel führt. Gerade für diejenigen, die Gott in ihrem Leben Raum geben wollen, ist es besonders schmerzlich, wenn ihr Gott so wenig sichtbar ist, wenn das Leben oftmals so gott-los erscheint.
,Wir sind geworden, wie solche, über die du von Ewigkeit her nicht geherrscht hast, über die dein Name nicht ausgerufen wurde , so haben die Beter des Psalmes ihre damalige Situa-tion beschrieben. Und da hatten auch die Erfahrungen von gestern keine Bedeutung mehr; Gottes Nähe für die Väter zählte nicht mehr: ,Abraham weiß nichts von uns, der Stammva-ter Jakob kennt uns nicht.' Sie können nicht helfen, Hilfe ist allein von Gott zu erwarten. ,Du, Herr, bist unser Vater', heißt es im Psalm, du Gott, nicht unsere Väter im Glauben. Wo wir in den Anfechtungen des Glaubens gefangen sind, da hilft nur noch Gott selber. Und deshalb möchte man mit den Betern des Psalmes rufen: Ach, wenn du doch den Himmel aufreißen würdest und herabsteigen würdest, die ganze Welt würde in Bewegung geraten, diese Welt wäre endlich ganz und gar deine Welt. Dein Name stünde allen vor Augen und die Zeit der Gottlosigkeit hätte ein Ende.
Wenn wir heute dieses Gebet in einem christlichen Gottes-dienst hören - zumal in der Adventszeit -, dann drängt sich die Frage auf: hat sich dieser Ruf nicht längst erfüllt? Hat Gott nicht längst geantwortet? Wir gehen dem Weihnachtsfest entgegen und das ist doch das Fest, an dem wir das Herabkom-men Gottes in diese Welt feiern. Der Himmel hat sich geöffnet und Gott ist gekommen, wenn auch ganz anders als es erwartet wurde: nicht gewaltig sondern klein und unscheinbar, die Welt ist nicht aus den Fugen geraten. Und trotzdem stimmt es: hier ist Einzigartiges geschehen. Gott hat uns in Jesus Christus seine Liebe, seinen Eifer seine Macht und seine große Barmherzigkeit gezeigt. Gott hat sich als Vater und Erlöser erwiesen. Und über vielen von uns ist sein Name in ganz besonderer Weise zugesprochen worden, durch die Taufe sind wir aufs engste mit seinem Namen verbunden, wir nennen uns Christen. Das ist es doch auch, was wir dem Simon heute mitgegeben haben: Gott sagt ihm zu: ich stehe auf deiner Seite.
Das alles ist richtig. Gott ist in dieser Welt erschienen und mit Jesus Christus ist einer Gottes Liebe und Barmherzigkeit in diese Welt gekommen. Das wird uns nicht nur in der Bibel gesagt, das ist auch die Glaubenserfahrung vieler Christen. Gott steht dieser Welt nicht fern. 
Aber dennoch: trotz Weihnachten und trotz der Öffnung des Himmels bleiben die Erfahrungen von Leid, von Ungerechtigkeit und Haß. Und dann fällt es wieder sehr schwer, an diese Liebe Gottes zu glauben, dann fällt es schwer, Gottes Gegenwart in dieser Welt zu erkennen. Ja, all das stellt uns immer wieder vor Augen, diese Welt ist noch nicht endgültig Gottes Reich. Gottes Reich ist noch nicht vollendet, nach wie vor sind wir immer wieder neu auf Gottes Kommen angewiesen; wir warten auf Gottes Kommen auf seinen Advent. Aber unser Warten, unsere Hoffnung für diese Welt richtet sich dabei nicht ins Ungewisse, unsere Hoffnung hat einen festen Grund. Unsere Hoffnung richtet sich darauf, daß Gott erfüllen wird, was er in Jesus Christus schon angefangen hat und was auch bei uns immer wieder aufleuchtet.
Und das unterscheidet unsere christliche Hoffnung von manch anderer Hoffnung. Wir haben einen konkreten Anknüpfungspunkt für unsere Hoffnung, sie hat einen konkreten Anhaltspunkt. Und dieser Anknüpfungspunkt heißt: Jesus Christus. Sein Leben, sein Wirken, sein Leiden, sein Sterben und sein Auferstehen sind voller Hinweise, wie Gott mit uns handeln will. Natürlich können wir darin nicht ablesen, wie es konkret mit uns aussehen wird, wie das Leben sich  für andere gestalten wird. Aber wir können in seinem Wirken erkennen, was Gott mit dem Menschen vor hat. Und das ist ein wichtiger Haltepunkt für unser Leben. Und Jesus macht vor allem eines deutlich: Gott kommt dieser Welt entgegen, unsere Zukunft liegt in seiner Hand. Gott kam als Mensch und er kommt menschlich in diese Welt. 
Darauf gründet unsere christliche Hoffnung und darauf können wir unser Leben ausrichten, so bedrückend sich unsere Welt auch zeigen mag.
Das heißt nun aber beileibe nicht, daß wir die Realität aus den Augen verlieren und leidende Menschen auf eine irgendwie geartete bessere Zukunft vertrösten wollen. Nein, es ist gerade anders herum. Weil unsere Hoffnung auf den kommenden Gott ausgerichtet ist, den Gott, der selber den Weg ans Kreuz nicht gescheut hat, gerade deshalb gilt es das Leiden in der Welt ernst zu nehmen.
Und der alte Klagepsalm macht uns darin auch Mut, die negativen Erfahrungen des Lebens wirklich zur Kenntnis zu nehmen, sich davon betreffen zu lassen. Denn er zeigt uns, daß wir all das Bedrängende in der Welt, ja sogar die eigene Gottverlassenheit nicht für uns behalten müssen, sondern daß wir es dem sagen, ja klagen dürfen, der unsere Zukunft in seiner Hand hat. Das gilt für den Krebskranken im Kranken-haus, und das gilt für seinen Besucher, den das Leiden verstummen läßt; das gilt für den Einsamen und das gilt für die Hilflosen und Ohnmächtigen und das gilt für alle, die für diese Welt keine Hoffnung mehr haben und für unsere Kinder eine dunkle Zukunft voraussagen. Ihnen allen stellt der Psalm vor Augen: ihr dürft euch an Gott wenden, denn er ist der Gott des Lebens, der seinem Volk die Treue geschworen hat. ,Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein' hat Gott im Alten Testament gesagt und Jesus Christus spricht: Siehe ich bin bei euch, alle Tage bis an der Welt Ende
Auch wenn wir angesichts der Lebenswirklichkeit oftmals nichts von dieser Nähe und Treue spüren, wir dürfen mit den Betern darauf vertrauen, daß Gott sein Wort hält. Wir haben im Blick auf Gottes Zukunft nichts in der Hand, als allein das Wort seiner Verheißung, das sich aber gründet in dem, was Jesus Christus zu seiner Zeit hat lebendig werden lassen. Auf ihn und auf das Wort der Verheißung können wir unsere Hoffnung setzen, können wir unsere Sehnsucht nach einer Zukunft mit Gott ausrichten.
Das scheint sehr wenig zu sein, angesichts der Erfahrungen in unserer Welt. Aber in Gottes Zusage der Treue über alle negativen Erfahrungen hinweg, lebendig geworden in dem Weg Jesu ans Kreuz und in das Ostergeschehen, finden wir eine Hoffnung, die uns trägt. Wir gehen in allem der Zukunft Gottes entgegen und deshalb dürfen wir darauf vertrauen, daß er uns die Treue hält, so wie er es seinem Volk Israel versprochen hat, so wie er sie in Jesus Christus besiegelt hat, so wie sie uns in der Taufe zugesagt ist. ,Du bist unser Vater'. Darauf dürfen wir Gott behaften und ihm unser Leid klagen in all unserer Bedrängnis. ,Du bist unser Vater', darauf dürfen wir auch all unsere Hoffnung für unsere Zukunft setzen, denn wir rechnen mit Gottes Kommen, wir erwarten Gottes Advent und das nicht nur zu Weihnachten.  Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt
  3. Advent 99
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