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Jes 58, 7-12

Erntedankfest 2005 – was bewegt uns heute im Blick auf dieses Fest. Ich merke seit vielen Jahren, dass es mir schwerer fällt, es ganz traditionell zu feiern. Traditionell – das heißt für mich: mit den Gaben, die der Garten hervorgebracht hat, mit Hinweisen auf das, was die Landwirte in einem Jahr geerntet haben. War Erntedankfest früher noch ein Bauernfest, an dem fast das ganze Dorf beteiligt war, weil eben auch das halbe Dorf damit beschäftigt war, in Feld und Garten Nahrungsmittel zu produzieren, so ist das Erntedankfest heute – rein emotional gesehen – ein vielleicht überholtes Fest.
Seien wir mal ehrlich: wer hat denn noch einen Gemüsegarten, einen von dem er sagt: hier liegt meine Ernährungsgrundlage. Die meisten Gemüsegärten, von denen wir uns ernähren stehen doch in Holland, Israel, Australien, Kolumbien oder sonst wo in der Welt, von wo wir zu jeder Zeit jede Frucht, jedes Gemüse, jedes Getreide herbekommen zu Preisen und Qualitäten, die nicht einmal den Kauf der Pflanzen hier zu Hause rechtfertigen, geschweige denn die Arbeit, die wir damit haben. Eigene Produkte im Garten, das ist für manchen ein Stück Tradition – ich kann doch den Garten nicht verkommen lassen oder einfach nur Rasen ansehen. Ich habe das schon immer gemacht, also mache ich es auch weiter. Oder es ist eine bewusste Gegenbewegung: ich will bestimmtes Gemüse unbelastet von Giften haben. Dann weiß ich wenigstens, was ich bekomme. Und wenn wir mal ehrlich sind: wenn in Deutschland kein Landwirt mehr den Acker bewirtschaften würde, niemand von uns müsste auch nur einen Tag ohne Brot, Gemüse und Fleisch leben.
Das klingt düster, und ich möchte damit auch den Landwirten jetzt nicht nachsagen, dass sie nicht nötig seien, aber die globale Lage der Welt ist so. Aber man kann es ja auch umgekehrt sehen: ist das nicht toll, was wir Menschen möglich gemacht haben? Wir haben die Möglichkeit, ohne dass wir direkt etwas dazu tun müssen, unserer nahrungstechnisches Überleben zu sichern. Eigentlich grandios, auch wenn ich es in keinem Fall möchte, dass unser Äcker nicht mehr bearbeitet werden, dass guter Boden zu Brachland wird und unsere Landschaft irgendwann sich selbst überlassen wird.
Erntedankfest – Fest des Dankes dass dieses Überleben möglich ist. Es ist kein betriebswirtschaftliches Dankfest – es ist ein Fest des Dankes gegenüber dem Schöpfer, der es ermöglicht, dass wir leben, dass wir hervorragend leben können.
Vergleichen wir das mal mit den Generationen vor uns. Wenn wir dort einmal anschauen, wie sehr das Leben davon geprägt war, das Überleben durch Nahrung zu sichern, so leben wir heute paradiesisch.
Ich las jetzt etwas aus der Zeit kurz nach der Währung. Da hieß es: Verdienst und Ausgaben der Arbeiterfamilien mit zwei bis drei Kinder bleiben sich - ob sie in einer Groß- oder Kleinstadt leben - ziemlich gleich. Der Verdienst schwankt zwischen 180 und 220 DM. Die Ausgaben, für Lebensmittel auf Marken, Gemüse und Obst schwanken zwischen 90 und 160 DM. Das heißt die Ausgaben für die Lebenserhaltung – hätte man alles kaufen müssen und konnte nichts aus dem eigenen Garten nehmen – beliefen sich auf über 50 Prozent des Einkommens.
Heuten geben wir Im Durchschnitt zwischen 11 und 18% für Lebensmittel aus. Das heißt wir haben rund 85% des Einkommens für Miete, Kleidung und Luxus zur Verfügung.
Wissen wir eigentlich, wie reich wir sind? Merken wir, was für Möglichkeiten uns gegeben sind? Wir sind jeden Tag auf der Suche nach dem immer preiswerteren, wollen immer mehr sparen, möchten es immer billiger haben. Aber das liegt nicht daran, dass die Lebensmittel so teuer sind, sondern dass unsere sonstigen Lebensansprüche so hoch sind. Die Produzenten bekommen ja noch nicht einmal viel Geld für ihre Produkte – die Landwirte können ein Lied davon singen. Aber wir sind es, die zugunsten der persönlichen Luxusgüter darauf aus sind, dass immer billigere Ware produziert wird. Und das zu ungunsten derer, die dafür ausgebeutet werden.
Oder ein anderes Beispiel. Der hohe Benzinpreis. Wie stöhnen wir darüber. So hoch, wie noch nie. Haben wir eigentlich mal ausgerechnet, wie viel Geld wir zu Zeiten in der Tasche hatten, als das Benzin noch 50 Pfennige gekostet hat? Ist der Benzinpreis wirklich so hoch angesichts unseres sonstigen Einkommens? Ich zahle prozentual gesehen weniger für 40ltr. Benzin als vor fast 28 Jahren, wo ich mein erstes Auto mit 18 Jahren tanken musste.
Und hinzu kommt noch etwas anderes. Müsste nicht das Benzin schon deshalb noch viel mehr kosten, weil ein so kostbares Gut ist? Es gibt Berechnungen, die besagen, dass in 25-30 Jahren das Öl alle ist. Was die Natur in Jahrmillionen hat entstehen lassen, das verbrauchen wir Menschen in ein wenig mehr als 100 Jahren. Würden wir so mit anderen Kostbarkeiten dieser Erde umgehen? Unsere Autoindustrie freut sich über die neuen Märkte in Asien – China das neue Autoland und die Aktien gehen in die Höhe. Was für eine Horrorvorstellung, wenn nur jeder zweite oder dritte Chinese ein Auto hätte. Was das für diese Welt bedeutet, das ist nicht auszudenken. Schon jetzt bekommen wir den Klimaschutz nicht hin, weil die reichste Industrienation nicht mitmacht, wie wird das erst in Zukunft werden?
Hier muss man im Bild von Saat und Ernte gesprochen einmal fragen: Was säen wir eigentlich in dieser Welt und wie sieht die Ernte aus, die wir einbringen? Mich macht das sehr nachdenklich und lässt mich fragen, was kann dieser Tag – Erntedankfest – in uns bewirken.
Für mich ist es zweierlei. Zum einen – trotz aller Unkenrufe und Schlechtmacherei in diesem Land, trotz aller Probleme in unserem, die ich auch sehe und die schwer zu lösen sind, wir dürfen nicht vergessen, dass wir dankbar sein dürfen, dass es uns so gut geht, wie es uns geht. Denn mal ehrlich: es gab politisch vielleicht weniger druckvolle Zeiten – damals im Aufschwung – aber rein wirtschaftlich gesehen geht es uns überhaupt nicht schlecht. Wenn es um das persönliche Überleben geht, darum Wohnort, Wohnraum zu haben, eine Sicherung im Blick auf Gesundheit und Alter, können wir uns in keiner Weise beklagen, sondern können dankbar sein für ein System, das uns ein solches Leben ermöglicht. Wir mögen damit nicht allen Luxus haben, den diese Welt bietet und der uns als notwenig vorgegaukelt wird, aber unser Leben ist in unserem so hoch industrialisierten Sozialstaat so einfach und problemlos wie noch nie. Und dafür bin ich dankbar und dazu haben wir allen Grund, Gott zu danken, dass wir diese Möglichkeiten haben, dass Überlebensnot nicht vorhanden ist, dass wir in sozialen Netzen gesichert sind, die es so nicht oft gibt und dass wir eine wirkliche Zukunftsangst zur Zeit nicht haben müssen.
Und das führt mich zu dem zweiten, was das Erntedankfest ausmacht. Aus der Dankbarkeit für das, was wir haben, was wir letztlich ja von Gott her haben, dem wir dafür dankbar sind, erwächst auch eine Zukunftshoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass das Überleben möglich ist, dass Gott auch globales Leben mit seinem Segen begleiten will.
Brich dem Hungrigen dein Brot, die im Elend führe in dein Haus, so haben wir gehört. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, dann wird Heilung schnell voranschreiten. Und etwas weiter heißt es: Du wirst sein wie ein bewässerter Garten, wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
Für mich ist das ein Bild, das uns auffordert, das Gute, das wir empfangen haben einzusetzen, um daraus etwas zu schaffen, was aufbaut. Was du geerntet hast, das sollst du säen. Was du an guten empfangen hast, das behalte nicht wie einen Raub, sondern lass auch andere daran teilhaben. Ich erleben im Augenblick genau das Gegenteil: Wenn Wirtschaftsunternehmen ins Ausland gehen, oder Textilproduzenten nach billigen Produktionsstätten suchen, dann ist das oft genug nur der Wunsch, Geld einzusparen, Gewinne zu maximieren. Doch was wird geschieht. Menschen werden ausgebeutet und denen es schlecht geht, deren Lebenssituation wird ausgenutzt. Vor allem Frauen, die vielen Ländern darunter zu leiden haben. Das gilt für den Kaffee, für Textilien, Zuckerrohr und demnächst gewiss auch für Autos und andere Industriegüter, deren Produktionsstätten abwandern.
Brich dem Hungrigen dein Brot, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte. Das ist mehr als nur die Aufforderung, den Hungernden in Nigeria etwas zukommen zu lassen. Es ist für mich die Verheißung, dass wir eine gute Welt aufbauen können, wenn wir nicht nach Profit und billigen Waren fragen, sondern danach, wie wir die Ungleichgewichte dieser Welt verändern können. Wie können wir es schaffen, mit den Energieressourcen so umzugehen, dass jeder seinen Teil davon bekommt? Wie können wir es schaffen, das Wasser so aufzuteilen, dass darüber keine Kriege entstehen? Wie können wir es schaffen, dass wir in wirtschaftlich schwächeren Ländern nicht ausbeuten, sondern fördern und entwickeln?
Brich dem Hungrigen dein Brot – und du wirst wie ein bewässerter Garten. Diese Verheißung ermutigt mich dazu, aus der Dankbarkeit für das, was ich habe, etwas weiter zu geben, etwas einzubringen, die Saat der Gerechtigkeit und der Förderung, damit in dieser Welt etwas wachsen kann, was letztlich zu einer wirklichen Globalisierung führt, nämlich der globalen Gemeinschaft der Menschen, die füreinander einstehen und dafür eintreten, dass der Garten des Leben nicht zertrampelt und zertreten wird. Säe, was du erntest. Säe die Güte Gottes, säe Lebensmöglichkeiten und reiß das Unkraut aus, dass den Lebensmöglichkeiten im Wege steht. Der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Danke Gott. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied:508, 1-4
Psalm Ps 104, 11-15.27-30
Eingangsliturgie
Gebet
Herr, aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Lass uns in dieser Zusage deine Treue erfahren, die niemand und nichts erschüttern kann. Lass uns in deinem Segen spüren, wie nah du uns bist, auch wenn wir meinen, du hättest uns den Rücken gekehrt. Lass uns an dieser Verheißung festhalten, um damit das Antlitz der Welt zu verändern. Herr, wir danken dir für deine Fürsorge. So gilt dir die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lesung: Jes 58, 7-12
Lied 420,1-5
Predigt
Lied 505, 1-4+7
Abendmahl
Wir feiern Abendmahl. Gaben der Schöpfung werden zum Zeichen der Nähe und der Liebe Gottes. Wir werden dieser Nähe und Liebe teilhaftig, wo wir diese Gaben im Glauben annehmen und darauf vertrauen, dass Gottes Güte alles übersteigt.
So bringen wir unseren Dank vor Gott:
Gütiger Gott, wir danken dir für deine Macht, die du in deiner Welt sichtbar werden lässt. Für viele Menschen ist die Natur ein wunderbares Zeichen für dich und deine Gegenwart. So lass auch uns in den Zeichen, die wir empfangen, deine Gegenwart erleben. Denn dafür hat Jesus sie uns hinterlassen, dass wir darin deine väterliche Güte und Liebe empfangen.
Einsetzungsworte
Herr, unser Gott, wir loben dich. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Lass dieses Brot für uns zum Brot des Lebens werden.
Herr, unser Gott, wir loben dich. Du schenkst uns die Frucht des Weinstocks, Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Lass diesen Kelch für uns zum Kelch des Heils werden. Und wie aus den Körnern das Brot und aus den Trauben der Wein geworden ist, so mache aus uns eine Gemeinde, ein Zeichen der Hoffnung für diese Welt.
Vaterunser
Austeilung
Sendungswort: Durch Gott werden wir mit Gutem gesättigt. Geht hin und sät von der Ernte der Güte Gottes.
Lied 222,1+3
Abkündigungen
Fürbittengebet
Herr des Lebens, wir danken dir für die Gaben von Brot und Kelch. Sie sind das Brot der Seele, das uns stärkt, um von dir her zu leben. So danken wir auch für das tägliche Brot, das wir in Fülle haben. Hilf uns diejenigen nicht zur vergessen, die zu wenig davon haben.
Wir danken dir für den Frieden, in dem wir leben dürfen. Hilf uns daran zu arbeiten, dass es so bleibt und auch in anderen Regionen dieser Welt die Waffen schweigen.
Wir danken dir für die Menschen, die uns wohl gesonnen sind und uns so viel Gutes tun. Hilf uns, auf diejenigen zugehen, mit denen wir uns nicht so gut verstehen.
Wir danken dir für deine Schöpfung, den Wind, den Regen, die Sonne, die Flora und Fauna. Hilf uns das unsere dazu zu tun, dass auch die kommenden Generationen in deiner guten Welt menschlich leben können.
Wir danken dir für die Gemeinschaft, die wir in unserer Gemeinde erfahren. Hilf uns, dafür zu sorgen, dass wir offen bleiben für neue Gesichter und neue Ideen und einladend auf andere zugehen.
Wir danken dir für die Liebe, die du bist und uns erweist. Hilf uns, dass wir sie nicht für uns behalten, sondern mit anderen teilen.
Segen
163

 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und  Klein Elbe
  Sonntag
2.10.2005
Liturgischer
Ablauf
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