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Jes 58, 7-12

Das Erntedankfest gehört bei uns immer noch zu beliebtesten Festen, die wir in der Kirche feiern. Natürlich steht Weihnachten von weiter vorn, das ist klar. Aber das Erntedankfest ist deshalb so beliebt weil es nicht so überfrachtet ist mit theologischen Gedanken. Ostern, Karfreitag, Pfingsten und die anderen kirchlichen Feste haben alle keine so eingängige Botschaft wie das Erntedankfest. Mit diesem Fest werden ganz elementare Dinge angesprochen: das Leben auf und mit der Erde. Jede Kultur, jede Religion kennt ein solches Fest, an dem man einmal im Jahr seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringt für das, was wir Menschen im Laufe eines Jahres empfangen.  Es gilt, Dank zu sagen für das, was das überleben im kommenden Jahr sichern kann. Die Nahrung spielt die wichtigste Rolle dabei, darum steht der Dank für die Nahrung im Vordergrund. Die Gaben in der Kirche bringen gerade diesen Aspekt zum Ausdruck: angefangen von Brot über das Gemüse unserer Gärten bis hin zur Zuckerrübe, in deren Ernte wir uns ja mittendrin befinden, die als typisches Produkt dieser Gegend hier nicht fehlen darf.
Wir tragen all diese Nahrungsmittel in die Kirche, um innerhalb unseres Glaubens Gott als dem Schöpfer Dank zu sagen für all dies
Trotz all dessen, was es an Offenheit für dieses Fest zu sagen gibt, spüre ich bei mir im Zusammenhang mit diesem Fest immer sehr, dass die ursprüngliche tiefe Dankbarkeit an diesem Fest dann aber doch nicht aufkommen will. Und ich vermute, daß es ihnen dabei kaum anders geht. Wer von uns erlebt noch die Abhängigkeit von der Ernte? Die Landwirte tun dies zusammen mit ihren Familien. Ernten das ist ihr Broterwerb, schlechte Ernte, das ist wie eine Rezession in anderen Industriezweigen. Immer wieder muß man neu rechnen und kalkulieren, wie man mit den Erträgen übers Jahr kommt. Muß vielleicht auch betriebswirtschaftlich neu nachdenken, um die Zukunft für sich zu sichern.
Dass wir alle abhängig sind von der Ernte, das spüren wir anderen in der Regel nicht. Ganz im Gegenteil. Unsere Gärten werden in der Regel verkleinert, weil sich die Arbeit kaum mehr lohnt und man anderes machen will. Es ist ja auch viel billiger den Kohlrabi für kaum 40 Pfennig im Supermarkt zu kaufen, als ständig das Unkraut drumherum zu hacken. Ernte also als Grundlage für das Überleben des nächsten Jahres zu sehen und für neue Lebenschancen dankbar zu sein, das liegt uns innerlich immer ferner. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, zu jeder Jahreszeit wirklich alles zu bekommen. Mangel an Grundnahrungsmitteln, Mangel an Besonderheiten auf dem Nahrungsmittelsektor, Mangel an Luxusgütern: das ist für uns hier in Deutschland ein Fremdwort. Das ist alles normal, das gehört dazu, für jeden von uns, für den einen mehr und den anderen weniger, je nachdem wie wir unser Leben gestalten.
Ist damit aber das Erntedankfest nicht doch nur ein Relikt alter Zeiten, ein alter Ritus, den wir wohl gerne begehen, aber dessen innere Tiefe und dessen Glanz uns längst verloren gegangen ist? Oder anders gefragt: Ist Erntedank oftmals nicht mehr als nur eine dreiviertel Stunde Gottesdienst? Und dagegen ist dann zu fragen: Hat Dank nicht auch Konsequenzen, die aus der Dankbarkeit folgen?
Ich stelle diese Fragen angesichts eines biblischen Textes, der uns für den heutigen Erntedanktag vorgeschlagen ist und der auf den ersten Blick nur wenig mit dem Erntedankfest zu tun zu haben scheint.
Im Jahre 530 v. Chr. ist der Text von einem Propheten an das Volk Israel verkündigt worden. Es war zu einer Zeit, nachdem das Volk aus dem Exil zurückgekehrt war und nun versucht hat, sein Leben neu einzurichten, vor allem religiös neu einzurichten. Man legte Wert auf das Einhalten der rituellen Vorschriften, wollte äußerlich nichts verkehrt machen, um Gott nicht wieder gegen sich aufzubringen. So wurde unter anderem immer wieder eine Fastenzeit eingehalten. Äußerlich hielt man sich an die Regeln, die dafür galten. Allerdings sah man keinen Erfolg dieser Tat. Man erwartet von Gott, dass er gleichsam als Dank für das Fasten dem Volk wohlgesonnen sein müßte und sich eine gute Entwicklung abzeichnen müßte. Nur tat sich derlei nicht. Ganz im Gegenteil, es wollte und wollte nicht aufwärts gehen im Volk Israel. So schimpften die Menschen: Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst es nicht wissen? Deutliche Klagen, die aber genauso deutlich von Gott durch den Mund des Propheten beantwortet werden.
Gott spricht, so sagt der Prophet Jesaja: Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: 
Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemanden unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden laßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasser quelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was Vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: der die Lücken zumauert und Wege ausbesserst, dass man da wohnen könne.
Das Fasten, so wird hier beschrieben, wurde als äußerliche Übung mißverstanden. Die Menschen erwarteten von dieser Übung Gottes Wohlgefallen, eine Veränderung der Lebenssituation zum Guten. Gott zerschlägt diesen Gedanken, indem er auf eine Form des Fastens hinweist, die wir mit heutigen Worten wohl als solidarisches Fasten bezeichnen würden: Verzicht auf Unrecht, auf Unterdrückung, Verzicht auf Wohlstand, Konsum, wirtschaftliche Unterdrückung. Fasten so sagt der Prophet, heißt sich dem eigenen Fleisch und Blut zu stellen, und das heißt im Alten Testament nicht der Familie, sondern dem Menschen an sich, der als Geschöpf Gottes jedermanns Bruder und Schwester ist.
Nun geht es heute, liebe Gemeindelieder, nicht um Fasten, nicht um Verzicht, sondern um Danken und Feiern. Dennoch haben diese Gedanken längst vergangener Zeiten auch etwas mit dem heutigen Tag zu tun. Am Erntedankfest bringen wir unsere Dankbarkeit für alles, was wir haben, religiös zum Ausdruck. In einem Gottesdienst lassen wir uns in die Dankbarkeit hineinnehmen, sprechen Worte des Dankes aus. Mögen uns dabei auch andere Motive begleiten, als die religiösen Riten damaliger Zeit, dennoch stellt der Text schon die Frage an uns, ob diese äußere Dankbarkeit wirklich Sinn des heutigen Tages sein kann, zumal wenn wir diesen Tag auf dem Hintergrund des 3. Oktober begehen. Angesichts dieses Zusammenhanges möchte ich daher auch das Danken am heutigen Tag sehr viel weiter beschreiben, als den Dank für die Gaben, die wir hier in die Kirche getragen haben. Ich möchte das Danken angesichts des biblischen Textes als solidarisches Danken näher beschreiben.
Solidarisches Danken, das ist Teil des Erntedankfestes. Solidarisches Danken, das heißt zunächst einmal, sich klar zu machen, wer denn alles daran beteiligt ist, dass die Gaben, die wir jeden Tag zum Leben haben, zur Verfügung stehen. Da sind an erster Stelle die Landwirte, die Gemüsebauern, in unserem Land mit all denen, die die Produkte verarbeiten für uns. Aber diese Leben und arbeiten nicht nur bei uns oder in der EG. Wir sind im Blick auf die Güter des täglichen Lebens über alle Grenzen hinaus verbunden.
Dank am Erntedanktag ist also verbunden mit dem Dank für Menschen in aller Welt. Dank am Erntedanktag ist damit verbunden, dass wir wirtschaftliche Verflochtenheit erkennen, die zwar nicht für jeden von uns immer so glücklich aussehen, z.B. wenn ich zum Beispiel an landwirtschaftliches EG-Recht denke oder an die weltweite Vernetzung der Getreidepreise. Insgesamt gesehen jedoch hat gerade diese weltweite Verbindung der Menschen zu viel positivem für unser tägliches Leben geführt. Verflochtenheit heißt dann aber auch, dass wir dankbar sind für Güter, die oft unter erbärmlichsten Bedingungen von Arbeitern und Arbeiterinnen und sogar Kindern entstanden sind. Und Verflochtenheit bedeutet dann, Mitverantwortung zu tragen für Menschen, die abhängig sind von unserem Lebensstil, von unseren Bedürfnissen, von unseren Wünschen und auch von unseren Machtmöglichkeiten angesichts des Reichtums und Einflusses unserer Industriegesellschaft. Am Erntedanktag als Tag des solidarischen Dankens sollten wir auch erkennen, dass nach der deutschen Einheit so manche gut verdiente Mark des Westens auf Kosten des Ostens und der dort lebenden Menschen verdient wurde. Solidarisches Danken heißt also, nicht nur ein frohes Dankeschön für Gaben zu sagen, sondern bedeutet gleichzeitig sich hineinnehmen zu lassen in das gesellschaftliche Zusammenleben derer, die miteinander auf dieser Erde leben.
Das alte Testament machte das mit seinen Worten und Beispielen deutlich, was dieses Hineinnehmen lassen konkret bedeutet: Hunger stillen im Angesicht von Überfluß, Schulden erlassen, wie es die Aktion Erlaßjahr 2000 sehr intensiv versucht. Es heißt, Obdach geben denen, denen Obdach genommen wurde – ich denke hier an Flüchtlinge, an Asylbewerber, an von Naturkatastrophen betroffenen; es bedeutet sich dem anderen Menschen mit seinem Innersten zuwenden, also sein Herz nicht verschließen für die Menschen. Nicht mit Fingern auf andere zeigen, und sie so nicht mit Selbstgerechtigkeit in ihren Problemen belassen.
Wo uns ein solches Handeln gelingt, da wird solidarisches Fasten, da wird solidarisches Danken lebendig. Und dieses Tun steht unter einer sehr deutlichen Verheißung, die die Bibel uns heute mitgibt: Heilung der Gesellschaften wird voranschreiten, es wird wirkliche Sättigung geben, selbst da wo scheinbarer Mangel herrscht. Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt, so beschreibt es der Text im Bild.
Das war die Hoffnung der Menschen damals in Jerusalem und ich möchte diese Hoffnung auf unsere Zeit übertragen: Wo wir lernen solidarisch zu danken, d.h. wo wir das Gegebene als Geschenk annehmen, das uns mit anderen Menschen verbindet; wo wir Wege finden, dass wir nicht auf Kosten anderer, sondern mit anderen leben lernen, da wird es auch am ehesten gelingen Lebensgemeinschaften zu gestalten, die nicht am eigenen Gewinn, sondern am Gewinn aller orientiert sind.
Solidarisches Danken zu gestalten, bedeutet aber auch, dass dieser Prozeß etwas fordert: Hilfe in finanzieller Hinsicht, um friedvolle Prozesse zu begleiten, Hilfe aber auch im Verzicht eines jeden von uns, um anderen Raum zur Entwicklung zu geben. Wer eigenen Wohlstand und eigene Freiheit will, der muß dies auch den anderen gönnen und ermöglichen. Darin liegt die Aufgabe des solidarischen Dankens, darin liegt der Anfang dieser Hoffnung, an die wir heute erinnert werden: wer solidarisch danken kann, der wird sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. In diesem Sinne gewinnt Dank, gewinnt Erntedank eine neue Dimension und in diesem Sinne können und sollen wir unser gottesdienstliches Erntedankfest in vollen Zugen feiern und genießen. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
 Erntedankfest 1999
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