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Das Erntedankfest gehört bei uns immer noch zu beliebtesten Festen,
die wir in der Kirche feiern. Natürlich steht Weihnachten von weiter
vorn, das ist klar. Aber das Erntedankfest ist deshalb so beliebt weil
es nicht so überfrachtet ist mit theologischen Gedanken. Ostern, Karfreitag,
Pfingsten und die anderen kirchlichen Feste haben alle keine so eingängige
Botschaft wie das Erntedankfest. Mit diesem Fest werden ganz elementare
Dinge angesprochen: das Leben auf und mit der Erde. Jede Kultur, jede Religion
kennt ein solches Fest, an dem man einmal im Jahr seine Dankbarkeit zum
Ausdruck bringt für das, was wir Menschen im Laufe eines Jahres empfangen.
Es gilt, Dank zu sagen für das, was das überleben im kommenden
Jahr sichern kann. Die Nahrung spielt die wichtigste Rolle dabei, darum
steht der Dank für die Nahrung im Vordergrund. Die Gaben in der Kirche
bringen gerade diesen Aspekt zum Ausdruck: angefangen von Brot über
das Gemüse unserer Gärten bis hin zur Zuckerrübe, in deren
Ernte wir uns ja mittendrin befinden, die als typisches Produkt dieser
Gegend hier nicht fehlen darf.
Wir tragen all diese Nahrungsmittel in die Kirche, um innerhalb unseres
Glaubens Gott als dem Schöpfer Dank zu sagen für all dies
Trotz all dessen, was es an Offenheit für dieses Fest zu sagen
gibt, spüre ich bei mir im Zusammenhang mit diesem Fest immer sehr,
dass die ursprüngliche tiefe Dankbarkeit an diesem Fest dann aber
doch nicht aufkommen will. Und ich vermute, daß es ihnen dabei kaum
anders geht. Wer von uns erlebt noch die Abhängigkeit von der Ernte?
Die Landwirte tun dies zusammen mit ihren Familien. Ernten das ist ihr
Broterwerb, schlechte Ernte, das ist wie eine Rezession in anderen Industriezweigen.
Immer wieder muß man neu rechnen und kalkulieren, wie man mit den
Erträgen übers Jahr kommt. Muß vielleicht auch betriebswirtschaftlich
neu nachdenken, um die Zukunft für sich zu sichern.
Dass wir alle abhängig sind von der Ernte, das spüren wir
anderen in der Regel nicht. Ganz im Gegenteil. Unsere Gärten werden
in der Regel verkleinert, weil sich die Arbeit kaum mehr lohnt und man
anderes machen will. Es ist ja auch viel billiger den Kohlrabi für
kaum 40 Pfennig im Supermarkt zu kaufen, als ständig das Unkraut drumherum
zu hacken. Ernte also als Grundlage für das Überleben des nächsten
Jahres zu sehen und für neue Lebenschancen dankbar zu sein, das liegt
uns innerlich immer ferner. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, zu jeder
Jahreszeit wirklich alles zu bekommen. Mangel an Grundnahrungsmitteln,
Mangel an Besonderheiten auf dem Nahrungsmittelsektor, Mangel an Luxusgütern:
das ist für uns hier in Deutschland ein Fremdwort. Das ist alles normal,
das gehört dazu, für jeden von uns, für den einen mehr und
den anderen weniger, je nachdem wie wir unser Leben gestalten.
Ist damit aber das Erntedankfest nicht doch nur ein Relikt alter Zeiten,
ein alter Ritus, den wir wohl gerne begehen, aber dessen innere Tiefe und
dessen Glanz uns längst verloren gegangen ist? Oder anders gefragt:
Ist Erntedank oftmals nicht mehr als nur eine dreiviertel Stunde Gottesdienst?
Und dagegen ist dann zu fragen: Hat Dank nicht auch Konsequenzen, die aus
der Dankbarkeit folgen?
Ich stelle diese Fragen angesichts eines biblischen Textes, der uns
für den heutigen Erntedanktag vorgeschlagen ist und der auf den ersten
Blick nur wenig mit dem Erntedankfest zu tun zu haben scheint.
Im Jahre 530 v. Chr. ist der Text von einem Propheten an das Volk Israel
verkündigt worden. Es war zu einer Zeit, nachdem das Volk aus dem
Exil zurückgekehrt war und nun versucht hat, sein Leben neu einzurichten,
vor allem religiös neu einzurichten. Man legte Wert auf das Einhalten
der rituellen Vorschriften, wollte äußerlich nichts verkehrt
machen, um Gott nicht wieder gegen sich aufzubringen. So wurde unter anderem
immer wieder eine Fastenzeit eingehalten. Äußerlich hielt man
sich an die Regeln, die dafür galten. Allerdings sah man keinen Erfolg
dieser Tat. Man erwartet von Gott, dass er gleichsam als Dank für
das Fasten dem Volk wohlgesonnen sein müßte und sich eine gute
Entwicklung abzeichnen müßte. Nur tat sich derlei nicht. Ganz
im Gegenteil, es wollte und wollte nicht aufwärts gehen im Volk Israel.
So schimpften die Menschen: Warum fasten wir und du siehst es nicht an?
Warum kasteien wir unseren Leib und du willst es nicht wissen? Deutliche
Klagen, die aber genauso deutlich von Gott durch den Mund des Propheten
beantwortet werden.
Gott spricht, so sagt der Prophet Jesaja: Das ist ein Fasten, an dem
ich Gefallen habe:
Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf
die du das Joch gelegt hast! Gib frei die du bedrückst, reiß
jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach
sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und
entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. Dann wird dein Licht hervorbrechen
wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des
Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr
wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemanden unterjochst und nicht mit Fingern zeigst
und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden laßt
und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen
und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar
führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.
Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasser quelle,
der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden,
was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was Vorzeiten
gegründet ward; und du sollst heißen: der die Lücken zumauert
und Wege ausbesserst, dass man da wohnen könne.
Das Fasten, so wird hier beschrieben, wurde als äußerliche
Übung mißverstanden. Die Menschen erwarteten von dieser Übung
Gottes Wohlgefallen, eine Veränderung der Lebenssituation zum Guten.
Gott zerschlägt diesen Gedanken, indem er auf eine Form des Fastens
hinweist, die wir mit heutigen Worten wohl als solidarisches Fasten bezeichnen
würden: Verzicht auf Unrecht, auf Unterdrückung, Verzicht auf
Wohlstand, Konsum, wirtschaftliche Unterdrückung. Fasten so sagt der
Prophet, heißt sich dem eigenen Fleisch und Blut zu stellen, und
das heißt im Alten Testament nicht der Familie, sondern dem Menschen
an sich, der als Geschöpf Gottes jedermanns Bruder und Schwester ist.
Nun geht es heute, liebe Gemeindelieder, nicht um Fasten, nicht um
Verzicht, sondern um Danken und Feiern. Dennoch haben diese Gedanken längst
vergangener Zeiten auch etwas mit dem heutigen Tag zu tun. Am Erntedankfest
bringen wir unsere Dankbarkeit für alles, was wir haben, religiös
zum Ausdruck. In einem Gottesdienst lassen wir uns in die Dankbarkeit
hineinnehmen,
sprechen Worte des Dankes aus. Mögen uns dabei auch andere Motive
begleiten, als die religiösen Riten damaliger Zeit, dennoch stellt
der Text schon die Frage an uns, ob diese äußere Dankbarkeit
wirklich Sinn des heutigen Tages sein kann, zumal wenn wir diesen Tag auf
dem Hintergrund des 3. Oktober begehen. Angesichts dieses Zusammenhanges
möchte ich daher auch das Danken am heutigen Tag sehr viel weiter
beschreiben, als den Dank für die Gaben, die wir hier in die Kirche
getragen haben. Ich möchte das Danken angesichts des biblischen Textes
als solidarisches Danken näher beschreiben.
Solidarisches Danken, das ist Teil des Erntedankfestes. Solidarisches
Danken, das heißt zunächst einmal, sich klar zu machen, wer
denn alles daran beteiligt ist, dass die Gaben, die wir jeden Tag zum Leben
haben, zur Verfügung stehen. Da sind an erster Stelle die Landwirte,
die Gemüsebauern, in unserem Land mit all denen, die die Produkte
verarbeiten für uns. Aber diese Leben und arbeiten nicht nur bei uns
oder in der EG. Wir sind im Blick auf die Güter des täglichen
Lebens über alle Grenzen hinaus verbunden.
Dank am Erntedanktag ist also verbunden mit dem Dank für Menschen
in aller Welt. Dank am Erntedanktag ist damit verbunden, dass wir wirtschaftliche
Verflochtenheit erkennen, die zwar nicht für jeden von uns immer so
glücklich aussehen, z.B. wenn ich zum Beispiel an landwirtschaftliches
EG-Recht denke oder an die weltweite Vernetzung der Getreidepreise. Insgesamt
gesehen jedoch hat gerade diese weltweite Verbindung der Menschen zu viel
positivem für unser tägliches Leben geführt. Verflochtenheit
heißt dann aber auch, dass wir dankbar sind für Güter,
die oft unter erbärmlichsten Bedingungen von Arbeitern und Arbeiterinnen
und sogar Kindern entstanden sind. Und Verflochtenheit bedeutet dann, Mitverantwortung
zu tragen für Menschen, die abhängig sind von unserem Lebensstil,
von unseren Bedürfnissen, von unseren Wünschen und auch von unseren
Machtmöglichkeiten angesichts des Reichtums und Einflusses unserer
Industriegesellschaft. Am Erntedanktag als Tag des solidarischen Dankens
sollten wir auch erkennen, dass nach der deutschen Einheit so manche gut
verdiente Mark des Westens auf Kosten des Ostens und der dort lebenden
Menschen verdient wurde. Solidarisches Danken heißt also, nicht nur
ein frohes Dankeschön für Gaben zu sagen, sondern bedeutet gleichzeitig
sich hineinnehmen zu lassen in das gesellschaftliche Zusammenleben derer,
die miteinander auf dieser Erde leben.
Das alte Testament machte das mit seinen Worten und Beispielen deutlich,
was dieses Hineinnehmen lassen konkret bedeutet: Hunger stillen im Angesicht
von Überfluß, Schulden erlassen, wie es die Aktion Erlaßjahr
2000 sehr intensiv versucht. Es heißt, Obdach geben denen, denen
Obdach genommen wurde – ich denke hier an Flüchtlinge, an Asylbewerber,
an von Naturkatastrophen betroffenen; es bedeutet sich dem anderen Menschen
mit seinem Innersten zuwenden, also sein Herz nicht verschließen
für die Menschen. Nicht mit Fingern auf andere zeigen, und sie so
nicht mit Selbstgerechtigkeit in ihren Problemen belassen.
Wo uns ein solches Handeln gelingt, da wird solidarisches Fasten, da
wird solidarisches Danken lebendig. Und dieses Tun steht unter einer sehr
deutlichen Verheißung, die die Bibel uns heute mitgibt: Heilung der
Gesellschaften wird voranschreiten, es wird wirkliche Sättigung geben,
selbst da wo scheinbarer Mangel herrscht. Du wirst sein wie ein bewässerter
Garten und eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt, so beschreibt
es der Text im Bild.
Das war die Hoffnung der Menschen damals in Jerusalem und ich möchte
diese Hoffnung auf unsere Zeit übertragen: Wo wir lernen solidarisch
zu danken, d.h. wo wir das Gegebene als Geschenk annehmen, das uns mit
anderen Menschen verbindet; wo wir Wege finden, dass wir nicht auf Kosten
anderer, sondern mit anderen leben lernen, da wird es auch am ehesten gelingen
Lebensgemeinschaften zu gestalten, die nicht am eigenen Gewinn, sondern
am Gewinn aller orientiert sind.
Solidarisches Danken zu gestalten, bedeutet aber auch, dass dieser
Prozeß etwas fordert: Hilfe in finanzieller Hinsicht, um friedvolle
Prozesse zu begleiten, Hilfe aber auch im Verzicht eines jeden von uns,
um anderen Raum zur Entwicklung zu geben. Wer eigenen Wohlstand und eigene
Freiheit will, der muß dies auch den anderen gönnen und ermöglichen.
Darin liegt die Aufgabe des solidarischen Dankens, darin liegt der Anfang
dieser Hoffnung, an die wir heute erinnert werden: wer solidarisch danken
kann, der wird sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle,
der es nie an Wasser fehlt. In diesem Sinne gewinnt Dank, gewinnt Erntedank
eine neue Dimension und in diesem Sinne können und sollen wir unser
gottesdienstliches Erntedankfest in vollen Zugen feiern und genießen. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe |
| Erntedankfest
1999
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