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Jesaja 5, 1-7

Wenn wir im Gottesdienst biblische Texte hören, dann einmal, weil es zum Gottesdienst dazu gehört, dass biblische Texte gelesen werden, dann aber auch, weil der Gottesdienst der Ort ist, an dem wir Hilfe erhalten, mit den Texten zu leben. Sie sollen lebendig werden. Dabei stehen meist drei Fragen im Raum: Wie ist Gott? Wie ist der Mensch und wie lebt der Mensch in der Welt vor Gott? Und unter diesen Fragen möchte ich auch heute den Predigttext des heutigen Sonntages auslegen.
Es ist ein Lied, das uns hier vorgetragen wird, ein altes Lied, so etwa 2800 Jahre alt. Es ist ein Liebeslied, das der Prophet Jesaja singt. Dieses Lied hat mehrere Teile, die wir nacheinander betrachten wollen.
Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute Trauben brächte; ....
Stellen sie sich Israel vor. Ein Land, in dem es nicht so häufig regnet wie bei uns, die Arbeit auf dem Acker ist mühselig, schweißtreibend und nicht immer sehr ergiebig. Man muß schon viel investieren, um einen guten Ertrag zu haben. Der Freund mit dem Weinberg tut alles für seinen Weinberg. In liebevoller Hingabe nutzt der das gute Stück Land, damit der Wein gedeiht. Steine werden aus dem Weg geräumt, der harte Boden wird umgegraben und gelockert. Beste Reben werden angebaut. Ein Turm wurde errichtet. Eine Art Wachturm, aber auch eine Unterkunft für die Mitarbeiter, die auf dem Land arbeiten. Es ist alles getan, mehr kann man nicht investieren in diesen Weinberg, mehr kann nicht getan werden, um eine gute Ernte zu haben.
Er wartete darauf, dass der Weinberg gute Trauben brächte, doch er trug nur schlechte.
Was für eine Enttäuschung für den Weinbergbesitzer. Alles ist getan, alles was nur möglich war, hat er in den Weinberg investiert. An nichts, aber auch an gar nichts hat es gefehlt: Liebe, Arbeit, Hingabe alles war da, doch der Weinberg brachte nur schlechte Früchte.
Jesaja singt weiter aus der Sicht des Weinbergbesitzers:
Nun richtet, ihr Leute, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, daß er gute brächte?
Ich denke, das landwirtschaftliche Bild macht es uns schwer, zu urteilen. Aber im Normalfall würden wir sagen, der Weinberg hat nicht das Seine getan, um auf die Liebe und Hingabe des Weinbergbesitzers zu antworten. Er hat nicht zurückgegeben, was er empfangen hat. Oder?
So hören weiter: Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, daß er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen.
Der Weinberg wird bestraft. Der Schutz wird ihm  genommen, jeder erhält Zutritt. Er kann ausgeraubt werden, zertreten und mißachtet. Zuwendung, Hingabe hat er verwirkt. Es findet keinerlei Pflege mehr. Brach soll er liegen und dem Unbill der Natur soll er ausgesetzt sein. Er wird zuwachsen mit lauter Unkräutern, die das Wachstum hindern und mindern und so den Weinberg zunichte machen. Und als letztes wird auch noch Wasserlosigkeit prophezeit, so dass auch diese Grundlage entzogen wird. Man könnte auch sagen, der Weinberg wird schlicht aufgegeben. Und irgendwie geschieht es im recht. Wer nicht bereit ist, etwas zurückzugeben, hat auch keine weitere Zuwendung verdient. So würden wir sicherlich denken und mit uns viele Menschen. Das ist durchaus menschlich und wenn wir ehrlich sind, wir handeln so jeden Tag.
Das Lied ist mit zu Ende, doch Jesaja bringt am Schluß seiner Worte noch so etwas wie die Moral von der Geschicht:
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, / siehe, da war Rechtsbruch, / auf Gerechtigkeit, / siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Der Weinberg ist ein altes Bild für die Geliebte, für die Braut. Und nun wird gesagt, dass Gott, diese seine Geliebte im Stich lassen will. Die Menschen an denen sein Herz hing, sie sollen ausgeliefert werden.
Wie ist Gott? So lautete die erste der Fragen, die wir an biblische Texte stellen. So ist Gott? Ein Weinbergbesitzer der alles verkommen läßt? Das kann doch nicht sein? So stelle ich mir Gott nicht vor. Der zornige Gott, das ist doch ein überholtes Bild, Gott ist doch ganz anders. Gott ist der liebende, der, der alles verzeiht, der alles hinnimmt, der immer für die Menschen da ist. So wird er doch Sonntag für Sonntag gepredigt.
Aber ist damit dieser liebende Gott wirklich einer, der alles hinnimmt? Warum auch sollte er das tun? Ist Gott eine Witzfigur, mit der man machen kann, was man will?  Muß Gott wirklich alles akzeptieren, was wir Menschen so tun? Muß er zu allem Ja und Amen sagen?
Nein, liebe Gemeinde, heute wird uns einmal ein anderes Bild Gottes vor Augen gestellt. Das Bild eines Gottes, der zornig ist, weil er eine tiefe Enttäuschung erlebt hat. Eine Enttäuschung, die allerdings nicht auf Ungehorsam beruht, auf nicht eingehaltenen Anweisungen, sondern auf der Nichtachtung der Zuwendung und Liebe. Wenn wir vom Zorn Gottes hören, dann denken wir zunächst daran, dass Ansprüche da sind, die nicht eingehalten sind. Doch uns wird gerade von Jesaja erzählt, dass Gott doch zuerst Liebe und Zuwendung zu den Menschen hat walten lassen. Dem Weinberg Israel wurde alles nur erdenklich gute getan, damit der Lebensort gut ist, damit die Menschen gut leben können und Früchte bringen können. Gott konnte gar nicht mehr tun, als er getan hat. Doch wie gehen wir Menschen damit um?
Wie ist der Mensch? so lautete ja die zweite Frage. Und da wird uns gesagt, dass Rechtsbruch und Schlechtigkeit das menschliche Sein bestimmt. Der gute Lebensraum wird von uns Menschen ungenutzt gelassen, wir wollen selber bestimmen, was gut und richtig ist. Ich bin der Herr, dein Gott, du brauchst keine anderen Götter neben mir. Wieviele Götter beten wir an, von denen wir nichts erwarten können für unser Leben, so sehr wir ihnen auch huldigen durch Geld, durch Leistung, durch Arbeit und blindem Gehorsam. Wie oft haben Menschen mit dem Namen Gottes Unheil gestiftet und menschliche Anliegen vergöttert statt nach dem Wohl der Menschen zu fragen. Der Feiertag, die Stille, das empfangen des Geschenkes der Freiheit durch den Tag der Ruhe, wie unruhig sind die Tage, wie sehr werden sie Profit und Gewinn geopfert. Die Ehre der vorangegangenen Generation, die Achtung des Alters, sie bleiben oft auf der Strecke. Die Achtung des Menschen, dessen Tötung durch Worte oder Taten bis in die Schulen hinein inzwischen nicht Besonderes mehr ist, die Nichtachtung von festen Beziehungen, der Kavaliersdelikt des Stehlens, das Rühren und Anheizen von Gerüchteküchen, das Streben nach Wohlstand und Besitz, um vor den anderen gleich angesehen da zu stehen, das alles sind im Blick auf die 10 Gebote Bereiche in denen deutlich wird, wie wir Menschen sind uns Leben, welche Früchte unser Leben hervorbringt, was daraus wird, wenn wir nur uns selber vor Augen haben, und uns nicht mehr leiten lassen von dem, was uns an Liebe und Hingabe gegeben wurde.
Hätten wir, wenn wir ehrlich sind mit uns, nicht den Zorn Gottes mehr als verdient? Liebe kann doch nicht heißen, dass Gott alles akzepiert, dass er alles gut heißt, was Menschen tun. Gott wäre nicht Gott, wenn er so wäre, er wäre ein Marionette der Menschen, die immer nickt, wenn der Mensch es will. Doch Gott ist nicht so. Auch Jesus kennt den Gedanken des Zorns Gottes. Doch der Auslöser des Zornes ist nicht Haß oder Ärger, sondern wie die Geschichte von Jesaja zeigt, ist es die Liebe. Und sie ist auch das Ziel des Zornes. Das Volk Israel hat diesen Zorn Gottes in der Geschichte gespürt. Der Weinberg Israel wurde tatsächlich schutzlos ausländischen Mächten ausgeliefert. Israel und Juda, die beiden Reiche des göttlichen Landes wurden erobert, die Bevölkerung verschleppt und ins Exil gebracht. Für die Juden war dies ein Zeichen für den Zorn Gottes, sie haben es - im Nachhinein - so verstanden. Sie konnten das so verstehen, weil sie diese Liebe auch wieder gespürt haben, weil sie sich der Zuwendung Gottes geöffnet hatten.
Der Zorn Gottes ist also nicht das, was das Sein Gottes bestimmt. Gott ist nicht von vorneherein und von grund auf ein zorniger Gott. Nein, er ist der liebende Gott, der uns Menschen einen Raum geben will, auf dem wir wachsen, blühen und gedeihen können. Er gibt uns aus seiner Güte und Barmherzigkeit heraus Regeln und Hinweise an die Hand, mit denen unser gemeinsames Leben in dieser Welt gelingen kann. Ich bin für euch da, ich will euer Gott sein, das steht an erster Stelle, und nicht sein Zorn. Sein Zorn ist Reaktion auf unser menschliches Handeln, das in der Regel so lautet: wir wollen für uns da sein, ich will mein Leben selber in die Hand nehmen, ich brauche Gott nicht. Der Zorn, der dann zu spüren ist, ist dann eigentlich auch nicht ein Handeln Gottes gegen den Menschen, sondern ein Sich-selbst-Überlassen des Menschen. Was daraus wird, das zeigt die Geschichte, auch die Geschichte der Menschen, die Gottes Namen für ihr eigenes Handeln mißbrauchen. Und da kommen wir eigentlich nur heraus, wenn wir uns wieder der Liebe anvertrauen.
Einer Liebe, die uns wieder zuvorkommt und die wir nicht erarbeiten können oder aus uns selber heraus verdient hätten. Sichtbar wird sie in Jesus Christus. Mit Jesus Christus geht Gott auf die Menschen zu, er tut es liebend, werbend, vergebend. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Von diesen Worten her hat ja der heutige Sonntag seinen Namen. Gott will nicht den Untergang der Menschen, Gott will das Leben. Aber er ist eben auch nicht der Hampelmann der Menschen, die ihn zu ihren Zwecken mißbrauchen. Der christliche Glaube weiß um den Zorn Gottes, der im Kreuz seinen bedeutsamsten Ausdruck findet. Denn am Kreuz wird deutlich: Gott selber steht ein für die Bedeutung seines Willens. Das Kreuz ist das Nein zur Mißachtung des Willens und das liebende Ja zum Menschen, der diese Mißachtung begeht. Das Kreuz sagt: die Schlechtigkeit, der Rechtsbruch, das Vergehen, die Sünde, sie sollen nicht sein, das verdient den Untergang. Doch der Mensch soll leben, er soll eben nicht darin untergehen. Darum nimmt Jesus Christus diesen Weg auf sich, und befreit uns so zu einem neuen Leben. Gott selber geht aus Liebe ans Kreuz, damit wir diese Liebe neu erkennen und unser Leben darauf ausrichten. Und damit behält Gott selber das Zepter in der Hand. Der Mensch bedarf ständig der Vergebung und der Erneuerung. Vergebung und Neuanfang sind dabei nicht Leistung des Menschen, sondern Tat der Liebe Gottes, der den Zorn aus Liebe gegen sich selber richtet.
Und so wird auch für uns deutlich, dass der liebende Gott auch der zornige ist, und gleichzeitig der zornige Gott auch der liebende Gott ist. Er zeigt sein Gesicht immer ein wenig anders, aber doch immer so, dass  er letztendlich niemanden von uns wirklich fallen läßt. Liebe und Barmherzigkeit bestimmten letztlich sein Wesen auch inmitten des Zornes. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt
  Reminiscere
18.3.2000
Liturgischer
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