|
|
|
Am vergangenen Sonntag haben wir der Opfer von London gedacht. Ganz
Europa tat das diese Woche für zwei Minuten. Die Suche der Täter läuft
auf vollen Touren und es scheinen auch schon gute Ergebnisse erzielt
worden zu sein. Doch darum soll es heute nicht gehen. Etwas anders
beschäftigt mich.
Schon am Tag als das Attentat geschah ist etwas geschehen, das für mich
sehr zwiespältig ist. Die großen der Welt saßen zusammen in Schottland
um auf dem G 8 Gipfel miteinander über Schuldenerlass und Hilfe für die
von Armut betroffen Länder der Welt zu beraten. Dann geschah dieser
Terrorakt. Tony Blair verließ zwar den Gipfel, doch es ging einfach
weiter. Wir lassen uns von Terroristen nicht unser Handeln bestimmen und
deshalb werden die Beratungen weiter geführt. Im Fernsehen hörte ich
einen Passanten sagen: ich kann mein Leben doch nicht deswegen einfach
umstellen. Ich werde so weiter leben wie bisher.
Ich empfinde das sehr zweischneidig. Natürlich kann ich auf der einen
Seite nachvollziehen, was die Politiker und die anderen Menschen tun.
Wir können uns nicht das Handeln von Terroristen diktieren lassen, der
Alltag läuft weiter. Und für uns tut er das ja auch. Die
Schreckensnachricht bewegt uns, wir hören hin, schauen zu. Aber
letztlich ändert sich bei uns auch nichts. Es ist dann doch zu weit weg.
Aber was dahinter steckt ist doch etwas, was uns beunruhigen müsste:
nämlich dass wir Gewalt als etwas Normales ansehen. Gewalt gegen
Menschen gehört zum Leben dazu, es ist jeden Tag da. Es wird nicht als
etwas angesehen, was beunruhigt, sondern als ein Teil des normalen
Lebens begriffen. Und weil mir das nicht viel anders geht als ihnen und
den Menschen dieser Welt, finde ich das schon etwas erschreckend.
Ist Gewalt, ist Krieg, ist das kriegerische und terroristische Handeln
von Menschen wirklich normal? Ist das etwas, was den Menschen ausmacht,
ausmachen soll?
Ist das ein Zeichen der Stärke, dass wir uns so nicht vom Terror
beeinflussen lassen, oder ist es ein Zeichen von Hilflosigkeit, von auch
politischer Ideenlosigkeit? Ist es die Übermacht der Gewohnheit, die uns
das gar nicht mehr wahrnehmen lässt? Wie steht es eigentlich mit unseren
Gedanken und Visionen vom Frieden, von Gewaltlosigkeit?
Und damit sind wir bei der anderen Seite, die mich ins Fragen bringt. Wo
sind eigentlich neben unserer schnellen Rückkehr in den Alltag die
Visionen von einer anderen Welt geblieben? Haben wir uns schon so damit
abgefunden, dass wir diese anderen Gedanken schon begraben haben? Hat
uns die Macht des Faktischen schon so in den Fängen, dass wir mögliche
Veränderungen, dass wir Hoffnungen und Ziele anderer Art längst begraben
haben?
60 Jahre nach Kriegsende, 22 Jahre nach den lila Tüchern auf dem
Kirchentag in Hannover mit dem Motto: Umkehr zum Leben – Die Zeit ist da
für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen – (ich habe das
lila Tuch noch und werde es im Gottesdienst um haben) – ist nach all
dieser Zeit das Nachdenken über Gewalt und Frieden zum Stillstand
gekommen? Wo sind Visionen und welchen Platz haben sie in unserem Leben?
Wir haben die Worte des Jesaja gehört. Und ich lese sie an dieser Stelle
gerne noch einmal.
Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und
Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist,
fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle
Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen:
Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes
Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!
Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da
werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln
machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und
sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr
vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!
Jesaja lebte in einer sehr unfriedlichen Zeit. Es hieß eher: Schmiedet
aus Pflugscharen Schwerter. Sammelt Eisen für einen Krieg.
Inmitten dieser Zeit hatte Jesaja diesen Traum, eine Vision von einer
ganz anderen Welt. Er hielt daran fest:, er träumte davon, dass eines
Tages niemand mehr einem anderen lehren wird, wie man eine Waffe führt;
eines Tages wird niemand mehr wissen, wie man eine Bombe baut; eines
Tages wird niemand mehr auf die Idee kommen, mit gleicher Münze
heimzuzahlen; eines Tages wird kein Industriezweig mehr davon
profitieren, dass sich zwei Völker nicht verstehen; eines Tages wird
kein Blut mehr vergossen, keine Wunde mehr geschlagen, kein Gefangener
mehr verprügelt werden.
Das Bild einer Welt, in der die Gewalt als etwas anzusehen ist, das eben
nicht "business as usual" ist, sondern etwas Überwundenes, das ist eine
Vision, die uns Menschen leider abhanden gekommen ist. Warum eigentlich?
Sehen wir solche Gedanken nur als nette Worte an, oder eben als
realitätsferne Spinnerei?
Seien wir doch mal ehrlich: jeder von uns hat doch Träume, Ideen,
vielleicht sogar Visionen, die täglich von der Realität beiseite
geschoben werden. Aber sind damit diese Träume, diese Visionen Quatsch.
Ich denke: Nein! Ganz im Gegenteil: diese Visionen sind notwendig, um
immer wieder zu spüren und auch daran zu leiden, was in dieser Welt
nicht richtig ist. Die Visionen sind dazu da, uns auf den Weg zu bringen
zu einem anderen und besseren Leben. Visionen sind Motor der
Veränderung, der Ermutigung, der Hoffnung auf Zukunft.
Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu sicheln
machen. Sie werden ihre Militärausgaben in die Entwicklungshilfe
stecken, sie werden ihre Biowaffenlabore der Medizin übergeben, Sie
werden ihre Leben nicht dem Terror, sondern der Hilfe für Menschen
opfern. Träume, und Visionen für die zu arbeiten, für die zu kämpfen,
für die umzukehren sich lohnen würde. Aber haben wir eben solche
Visionen, trauen wir uns überhaupt, solche Visionen anzunehmen, sie als
gemeinsame Visionen zu leben? Wir alle sind gefragt danach, welchen
Visionen wir nachgehen, was wir gemeinsam anstreben, welcher
Wirklichkeit wir mehr Gewicht geben: der Macht des Faktischen oder der
Macht von Hoffnung und Visionen.
Von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er
wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. So heißt
es bei Jesaja.
Nun kann man mit Recht fragen: Ausgerechnet Jerusalem? Kein Ort
widerspricht dieser Vision wohl mehr als diese Stadt! Hier sehen wir die
gleichen Bilder, hören wir die gleichen Nachrichten, lesen wir immer
wieder dieselben Schlagzeilen: Bomben, Anschläge, Vergeltungsmaßnahmen
... Vielleicht ist Jerusalem derzeit mehr der Inbegriff der Normalität
des Terrors als der Hoffnungsort für den Friedens! Und dennoch: würde
Jesaja heute noch seine Vision in Worte kleiden, er würde keinen anderen
Platz in der Welt nennen, wo der Weltfrieden sein Zentrum, seinen
Ausgangspunkt hat.
Und das liegt daran, dass Jerusalem zwar ein realer Ort in Israel ist,
aber gleichzeitig ja vor allem im Glauben der Menschen des alten
Testamentes der Ort der Gegenwart Gottes. Und wenn wir das sehen, dann
heißt das konkret gesagt: nicht allein aus menschlichem Bemühen finden
wir den Weg zum Frieden, sondern es ist Gott selber, der uns auf den Weg
bringt, sein guter Rat befähigt uns dazu: "Denn von Zion wird Weisung
ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem." Früher hieß es PAX ROMANA –
vom römischen Reich geht Friede aus – ein wohl eher imperialistischer
Friede, der mit Unterdrückungsmacht eigene Vorteile suchte. Im letzten
war es CAMP DAVID, wo Hilfe für den arabischen Raum gesucht wurde. Heute
will die Großmacht USA sich aufspielen als Friedensbringer, doch wir
sehen mehr Gewalt und Terror als wirklichen Weg zum Frieden, der
unabhängig ist von politisch-wirtschaftlichen Machtinteressen.
Wenn Jesaja auf Jerusalem verweist und auf das Wort des Herrn, das von
dort ausgeht, so werden wir auf den allumfassenden Frieden Gottes, den
SHALOM JHWH verwiesen. Der Weg der Erfüllung der Vision des großen
Völkerfriedens geht aus vom Wort Gottes, das ist es, was uns den Weg
weist, er selber schenkt den Weg des Friedens und letztlich seine
Erfüllung.
Und gerade weil das so ist, dürfen wir uns nicht an den Unfrieden,
gleich wo und gleich wie er sich zeigt, gewöhnen. Nach Gottes Willen ist
nicht der Krieg die Normalität, ja wenn es nach ihm ginge, wäre er nicht
einmal eine Ausnahme. Gott will nicht, dass wir Menschen gegeneinander
handeln. Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, alles was Menschen in
Unfreiheit, in Leid und Tod bringt, ist etwas das Gott nicht will.
In Jesus Christus hat er dies am deutlichsten offenbart, als Jesus das
Wort von der Feindesliebe nicht nur gesagt, sondern in der Fürbitte am
Kreuz auch gelebt hat. Feindschaft, wie immer sie auch aussehen mag,
Gegeneinander, welcher Grund auch immer dahinter stecken mag, sind
Lebensformen, die es zu überwinden gilt. Leben kann nur gelingen, wenn
von Gott er das Leben sich verändert, wenn wir seinen Liebewillen für
alle Menschen anerkennen und umsetzen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!
So ruft es Jesaja den Menschen seiner Zeit und uns heute zu. Lasst die
Vision vom Völkerfrieden lebendig in euch sein, nehmt sie ernst als das
Ziel, das wir anstreben wollen. Diese Vision ist die Leitlinie
menschlichen Handelns, die uns immer wieder zu Gott zurückführt, damit
wir von ihm auf den Weg gebracht werden. Und das heißt eben nicht:
weiterleben wie bisher, nicht "business as usual", sondern hoffen,
Alternativen suchen, den alten Traum mit Leben füllen.
(DA wir keinen Organisten haben, wollen wir das folgende Lied EG 426
aber wenigstens vom Text her wahrnehmen)
Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet gesehn, da wird
Gottes Berg überragen alle anderen Berge und Höhn. Und die Völker werden
kommen von Ost, West, Süd und Nord, die Gott Fernen und die Frommen, zu
fragen nach Gottes Wort. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte
des Herrn!
2. Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet geschaut, da
wird niemand Waffen mehr tragen, deren Stärke er lange vertraut.
Schwerter werden zu Pflugscharen, und Krieg lernt keiner mehr. Gott wird
seine Welt bewahren vor Rüstung und Spieß und Speer. Auf, kommt herbei!
Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!
3. Kann das Wort von den letzten Tagen aus einer längst vergangnen Zeit
uns durch alle Finsternis tragen in die Gottesstadt, leuchtend und weit?
Wenn wir heute mutig wagen, auf Jesu Weg zu gehn, werden wir in unsern
Tagen den kommenden Frieden sehn. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln
im Lichte des Herrn.
Text: Walter Schulz 1963/1987
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 449,1-4
Psalm 48 i.A. s. Lektionar
Eingangsliturgie
Gebet EGb S. 365 Gebet 2
Lesung: Mt. 5, 13-16
Lied: 612,1-5
Lesung: Jes, 2, 1-5
Glaubensbekenntnis
Lied: 433
Predigt
Lied 430, 1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet
EG 825 umrahmt mit dem Liedruf. Gott, dein Friede erfülle die ganze Welt
(Noten bei J.Grote zu erhalten)
Vaterunser
Segen
421
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
oben
| |
|