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Jes 2, 1-5

Am vergangenen Sonntag haben wir der Opfer von London gedacht. Ganz Europa tat das diese Woche für zwei Minuten. Die Suche der Täter läuft auf vollen Touren und es scheinen auch schon gute Ergebnisse erzielt worden zu sein. Doch darum soll es heute nicht gehen. Etwas anders beschäftigt mich.
Schon am Tag als das Attentat geschah ist etwas geschehen, das für mich sehr zwiespältig ist. Die großen der Welt saßen zusammen in Schottland um auf dem G 8 Gipfel miteinander über Schuldenerlass und Hilfe für die von Armut betroffen Länder der Welt zu beraten. Dann geschah dieser Terrorakt. Tony Blair verließ zwar den Gipfel, doch es ging einfach weiter. Wir lassen uns von Terroristen nicht unser Handeln bestimmen und deshalb werden die Beratungen weiter geführt. Im Fernsehen hörte ich einen Passanten sagen: ich kann mein Leben doch nicht deswegen einfach umstellen. Ich werde so weiter leben wie bisher.
Ich empfinde das sehr zweischneidig. Natürlich kann ich auf der einen Seite nachvollziehen, was die Politiker und die anderen Menschen tun. Wir können uns nicht das Handeln von Terroristen diktieren lassen, der Alltag läuft weiter. Und für uns tut er das ja auch. Die Schreckensnachricht bewegt uns, wir hören hin, schauen zu. Aber letztlich ändert sich bei uns auch nichts. Es ist dann doch zu weit weg. Aber was dahinter steckt ist doch etwas, was uns beunruhigen müsste: nämlich dass wir Gewalt als etwas Normales ansehen. Gewalt gegen Menschen gehört zum Leben dazu, es ist jeden Tag da. Es wird nicht als etwas angesehen, was beunruhigt, sondern als ein Teil des normalen Lebens begriffen. Und weil mir das nicht viel anders geht als ihnen und den Menschen dieser Welt, finde ich das schon etwas erschreckend.
Ist Gewalt, ist Krieg, ist das kriegerische und terroristische Handeln von Menschen wirklich normal? Ist das etwas, was den Menschen ausmacht, ausmachen soll?
Ist das ein Zeichen der Stärke, dass wir uns so nicht vom Terror beeinflussen lassen, oder ist es ein Zeichen von Hilflosigkeit, von auch politischer Ideenlosigkeit? Ist es die Übermacht der Gewohnheit, die uns das gar nicht mehr wahrnehmen lässt? Wie steht es eigentlich mit unseren Gedanken und Visionen vom Frieden, von Gewaltlosigkeit?
Und damit sind wir bei der anderen Seite, die mich ins Fragen bringt. Wo sind eigentlich neben unserer schnellen Rückkehr in den Alltag die Visionen von einer anderen Welt geblieben? Haben wir uns schon so damit abgefunden, dass wir diese anderen Gedanken schon begraben haben? Hat uns die Macht des Faktischen schon so in den Fängen, dass wir mögliche Veränderungen, dass wir Hoffnungen und Ziele anderer Art längst begraben haben?
60 Jahre nach Kriegsende, 22 Jahre nach den lila Tüchern auf dem Kirchentag in Hannover mit dem Motto: Umkehr zum Leben – Die Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen – (ich habe das lila Tuch noch und werde es im Gottesdienst um haben) – ist nach all dieser Zeit das Nachdenken über Gewalt und Frieden zum Stillstand gekommen? Wo sind Visionen und welchen Platz haben sie in unserem Leben?
Wir haben die Worte des Jesaja gehört. Und ich lese sie an dieser Stelle gerne noch einmal.
Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!
Jesaja lebte in einer sehr unfriedlichen Zeit. Es hieß eher: Schmiedet aus Pflugscharen Schwerter. Sammelt Eisen für einen Krieg.
Inmitten dieser Zeit hatte Jesaja diesen Traum, eine Vision von einer ganz anderen Welt. Er hielt daran fest:, er träumte davon, dass eines Tages niemand mehr einem anderen lehren wird, wie man eine Waffe führt; eines Tages wird niemand mehr wissen, wie man eine Bombe baut; eines Tages wird niemand mehr auf die Idee kommen, mit gleicher Münze heimzuzahlen; eines Tages wird kein Industriezweig mehr davon profitieren, dass sich zwei Völker nicht verstehen; eines Tages wird kein Blut mehr vergossen, keine Wunde mehr geschlagen, kein Gefangener mehr verprügelt werden.
Das Bild einer Welt, in der die Gewalt als etwas anzusehen ist, das eben nicht "business as usual" ist, sondern etwas Überwundenes, das ist eine Vision, die uns Menschen leider abhanden gekommen ist. Warum eigentlich? Sehen wir solche Gedanken nur als nette Worte an, oder eben als realitätsferne Spinnerei?
Seien wir doch mal ehrlich: jeder von uns hat doch Träume, Ideen, vielleicht sogar Visionen, die täglich von der Realität beiseite geschoben werden. Aber sind damit diese Träume, diese Visionen Quatsch.
Ich denke: Nein! Ganz im Gegenteil: diese Visionen sind notwendig, um immer wieder zu spüren und auch daran zu leiden, was in dieser Welt nicht richtig ist. Die Visionen sind dazu da, uns auf den Weg zu bringen zu einem anderen und besseren Leben. Visionen sind Motor der Veränderung, der Ermutigung, der Hoffnung auf Zukunft.
Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu sicheln machen. Sie werden ihre Militärausgaben in die Entwicklungshilfe stecken, sie werden ihre Biowaffenlabore der Medizin übergeben, Sie werden ihre Leben nicht dem Terror, sondern der Hilfe für Menschen opfern. Träume, und Visionen für die zu arbeiten, für die zu kämpfen, für die umzukehren sich lohnen würde. Aber haben wir eben solche Visionen, trauen wir uns überhaupt, solche Visionen anzunehmen, sie als gemeinsame Visionen zu leben? Wir alle sind gefragt danach, welchen Visionen wir nachgehen, was wir gemeinsam anstreben, welcher Wirklichkeit wir mehr Gewicht geben: der Macht des Faktischen oder der Macht von Hoffnung und Visionen.

Von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. So heißt es bei Jesaja.
Nun kann man mit Recht fragen: Ausgerechnet Jerusalem? Kein Ort widerspricht dieser Vision wohl mehr als diese Stadt! Hier sehen wir die gleichen Bilder, hören wir die gleichen Nachrichten, lesen wir immer wieder dieselben Schlagzeilen: Bomben, Anschläge, Vergeltungsmaßnahmen ... Vielleicht ist Jerusalem derzeit mehr der Inbegriff der Normalität des Terrors als der Hoffnungsort für den Friedens! Und dennoch: würde Jesaja heute noch seine Vision in Worte kleiden, er würde keinen anderen Platz in der Welt nennen, wo der Weltfrieden sein Zentrum, seinen Ausgangspunkt hat.
Und das liegt daran, dass Jerusalem zwar ein realer Ort in Israel ist, aber gleichzeitig ja vor allem im Glauben der Menschen des alten Testamentes der Ort der Gegenwart Gottes. Und wenn wir das sehen, dann heißt das konkret gesagt: nicht allein aus menschlichem Bemühen finden wir den Weg zum Frieden, sondern es ist Gott selber, der uns auf den Weg bringt, sein guter Rat befähigt uns dazu: "Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem." Früher hieß es PAX ROMANA – vom römischen Reich geht Friede aus – ein wohl eher imperialistischer Friede, der mit Unterdrückungsmacht eigene Vorteile suchte. Im letzten war es CAMP DAVID, wo Hilfe für den arabischen Raum gesucht wurde. Heute will die Großmacht USA sich aufspielen als Friedensbringer, doch wir sehen mehr Gewalt und Terror als wirklichen Weg zum Frieden, der unabhängig ist von politisch-wirtschaftlichen Machtinteressen.
Wenn Jesaja auf Jerusalem verweist und auf das Wort des Herrn, das von dort ausgeht, so werden wir auf den allumfassenden Frieden Gottes, den SHALOM JHWH verwiesen. Der Weg der Erfüllung der Vision des großen Völkerfriedens geht aus vom Wort Gottes, das ist es, was uns den Weg weist, er selber schenkt den Weg des Friedens und letztlich seine Erfüllung.
Und gerade weil das so ist, dürfen wir uns nicht an den Unfrieden, gleich wo und gleich wie er sich zeigt, gewöhnen. Nach Gottes Willen ist nicht der Krieg die Normalität, ja wenn es nach ihm ginge, wäre er nicht einmal eine Ausnahme. Gott will nicht, dass wir Menschen gegeneinander handeln. Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, alles was Menschen in Unfreiheit, in Leid und Tod bringt, ist etwas das Gott nicht will.
In Jesus Christus hat er dies am deutlichsten offenbart, als Jesus das Wort von der Feindesliebe nicht nur gesagt, sondern in der Fürbitte am Kreuz auch gelebt hat. Feindschaft, wie immer sie auch aussehen mag, Gegeneinander, welcher Grund auch immer dahinter stecken mag, sind Lebensformen, die es zu überwinden gilt. Leben kann nur gelingen, wenn von Gott er das Leben sich verändert, wenn wir seinen Liebewillen für alle Menschen anerkennen und umsetzen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Lichte des Herrn! So ruft es Jesaja den Menschen seiner Zeit und uns heute zu. Lasst die Vision vom Völkerfrieden lebendig in euch sein, nehmt sie ernst als das Ziel, das wir anstreben wollen. Diese Vision ist die Leitlinie menschlichen Handelns, die uns immer wieder zu Gott zurückführt, damit wir von ihm auf den Weg gebracht werden. Und das heißt eben nicht: weiterleben wie bisher, nicht "business as usual", sondern hoffen, Alternativen suchen, den alten Traum mit Leben füllen.
(DA wir keinen Organisten haben, wollen wir das folgende Lied EG 426 aber wenigstens vom Text her wahrnehmen)
Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet gesehn, da wird Gottes Berg überragen alle anderen Berge und Höhn. Und die Völker werden kommen von Ost, West, Süd und Nord, die Gott Fernen und die Frommen, zu fragen nach Gottes Wort. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!
2. Es wird sein in den letzten Tagen, so hat es der Prophet geschaut, da wird niemand Waffen mehr tragen, deren Stärke er lange vertraut. Schwerter werden zu Pflugscharen, und Krieg lernt keiner mehr. Gott wird seine Welt bewahren vor Rüstung und Spieß und Speer. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!
3. Kann das Wort von den letzten Tagen aus einer längst vergangnen Zeit uns durch alle Finsternis tragen in die Gottesstadt, leuchtend und weit? Wenn wir heute mutig wagen, auf Jesu Weg zu gehn, werden wir in unsern Tagen den kommenden Frieden sehn. Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn.
Text: Walter Schulz 1963/1987
 

Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 449,1-4
Psalm 48 i.A. s. Lektionar
Eingangsliturgie
Gebet EGb S. 365 Gebet 2
Lesung: Mt. 5, 13-16
Lied: 612,1-5
Lesung: Jes, 2, 1-5
Glaubensbekenntnis
Lied: 433
Predigt
Lied 430, 1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet
EG 825 umrahmt mit dem Liedruf. Gott, dein Friede erfülle die ganze Welt (Noten bei J.Grote zu erhalten)
Vaterunser
Segen
421
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
  Sonntag
17. 7. 2005
Liturgischer
Ablauf
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