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Gnade sei mit uns ...
Der Buß- und Bettag ist seit einigen Jahren kein gesetzlich geschützter
Feiertag mehr. In den Städten haben sich die Gottesdienste auf die
Schulen verlagert. Bei uns feiern wir einen Gottesdienst am Abend als
Pfarrverbandsgottesdienst, der jedoch nur von denen besucht werden, die
im dem Ort leben, wo der Gottesdienst stattfindet. Der Buß- und Bettag
ist als Tag besonderer Besinnung eigentlich aus dem Gedächtnis
verschwunden. Wenn man dies auf dem Hintergrund des eben gehörten
biblischen Textes sieht, könnte man auch sagen: das ist gut so. Was
sagte Gott doch: Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten;
sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen.
Warum sagt Gott das vor 2700 Jahren? Es war so, dass das Volk Israel in
einer Zeit des Wohlstandes lebte. Politisch und wirtschaftlich stand das
Land gut da. Und in dieser Zeit war der äußere Schein des Lebens sehr
wichtig. So wurden die Festtage begangen vor allem begangen, um gesehen
zu werden, um eine gewissen Ordnung zu zeigen, um Gottesbeziehung
vorzutäuschen, doch was hinten an stehen blieb, das war die Ethik, das
positive Handeln an den Menschen.
Und so schickt Gott den Propheten Jesaja auf den Weg, um durch ihn
deutlich, zu machen dass es so nicht weiter geht. All die unsinnigen
Opfer im Tempel, die vielen Festversammelungen, die nur äußerlicher
Schein sind, das ist nicht das, was Gott will. Sie sind mir eine Last,
so lässt Gott durch Jesaja sagen, ich will's nicht mehr tragen. Und auch
die Gebete, die gesprochen werden, kommen nicht mehr bei mir an, ich
will sie nicht hören, weil eure Hände voller Blut sind.
Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst
ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den
Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!
Umkehr ist gefordert. Nicht Glanz und Glamour, nicht Ansehen und gutes
äußeres Leben mit Besuchen im Tempel und großen Feierlichkeiten dort ist
vor Gott gefragt, sondern ein Leben, das sich an ganz anderen Werten
orientiert.
Es geht also darum , das eigene Leben vor Gott noch einmal neu zu
bedenken.
Und nun stehe ich hier als Prediger und bin angesichts des Tages und
angesichts dieser biblischen Vorgabe gehalten, diese Umkehr zu predigen.
Und ich merke, wie schwer mir das fällt, vor allem angesichts dieses
Textes, der so unendlich weit weg von unserem Leben ist. Wer bin ich
denn, dass ich mich jetzt hier herstelle und womöglich sage, ihr lebt
falsch. Natürlich könnten wir jetzt auch anfangen und über die anderen
zu reden, die umkehren müssen, die ihr Handeln verändern müssen. In der
Politik ist das ja im Augenblick überdeutlich, wenn die einen auf den
anderen herumhacken, weil sie in den Augen des jeweils anderen natürlich
nur Fehler machen und den Karren nur weiter in den Dreck fahren.
Aber so sehr es einen auch reizen mag, dazu etwas zu sagen, darum soll
es hier nicht gehen.
Gleichzeitig möchte ich mich aber auch nicht hier herstellen, um zu
sagen, so und so leben Sie falsch, so und so haben Sie, die sie hier
sitzen, sich zu ändern.
Das kann und das will ich nicht tun. Aber ich möchte doch diesen Buß-
und Bettag ernst nehmen, möchte auch - die Worte des Propheten Jesaja im
Hinterkopf habend - uns etwas an die Hand geben, mit dem wir über unser
eigenes Leben nachdenken können.
In der katholischen Kirche richtet sich ein Beichtspiegel an den 10
Geboten aus. Vielleicht könnte dies auch heute einmal für uns ein Weg
sein, das eigene Leben kritisch zu betrachten. Und ich möchte das Tun,
indem ich die Leitlinie des Jesaja aufnehme, der da sagt: Tut gutes und
verschafft den Rechtlosen Recht.
Ich bin der Herr, dein Gott.
Du brauchst keine anderen Götter neben mir.
Wer sind die anderen Götter unserer Zeit, denen wir nur allzu gerne
nachlaufen, ohne es manchmal zu merken? Für mich hat es den Eindruck,
dass das wirtschaftliche Wohlergehen an die Stelle eines Gottes tritt.
Diesem Wohlergehen haben wir zu opfern: z.B. Arbeitsplätze, damit ein
Unternehmen Gewinne abwirft und die Aktienhändler zufrieden sind. Z.B.
persönliche Zeit und innere Ausgeglichenheit, denn der Mensch hat sich
ganz dem wirtschaftlichen Druck zu beugen, der langsam immer
unmenschlicher wird, weil die Anforderungen immer größer werden, die
Bedürfnisse der Menschen immer weiter an den Rand geschoben werden. Wir
opfern auch Menschen, die weniger an Möglichkeiten mitbringen, denn es
ist nur noch Qualifikation und Leistung gefragt ist. Und derjenige, der
diesen Anforderungen nicht mehr entspricht, er fällt hinten runter.
Tretet ein für die Witwen und Waisen, tretet ein für diejenigen, die in
unserem Arbeitsprozess keinen Raum mehr finden, weil ihre persönlichen
Möglichkeiten eingeschränkt sind, so könnte man die Worte des Jesaja in
diesem Zusammenhang übertragen. Tretet ein für menschliche
Arbeitsplätze, die den Menschen nicht immer bis zum letzten treiben. So
bedeutsam wirtschaftliche Fragen sind, sie sind nicht alles.
Wirtschaftliches Wohlergehen gibt keinen wirklichen Lebenshalt und keine
wirkliche Zukunft, die auch dann noch trägt, wenn vieles zerbricht.
Du darfst dir freie Zeit schenken lassen.
Den Rentnern unter uns muss man das eigentlich nicht sagen. Sie haben
Zeit, die sie ganz für sich alleine ausfüllen können. Aber viele
Menschen haben damit Probleme, nicht tätig zu sein. Berufliche Arbeit,
private Arbeit, sie nimmt viele Menschen völlig gefangen. Darin suchen
diese Menschen vor allem für sich selber Anerkennung und Ansehen. Ich
leiste etwas, also bin ich etwas. Und all diejenigen, die nichts mehr
leisten können, die an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gekommen sind?
Sind die nichts mehr. Du sollst den Feiertag heiligen, ist nicht allein
die Aufforderung zum Gottesdienst zu gehen, sondern wirklich zu
erkennen, das Leben dieser Welt hängt nicht von meinem Tun ab, und ich
selber hänge nicht von diesem Tun ab. Der Feiertag sagt: du kannst dich
fallen lassen, es ist für dich gesorgt. Lass dir das sagen - u.a. im
Gottesdienst -, und lebe als einer, der nicht vom eigenen Tun lebt
,sondern davon, dass Gott ihn beschenkt.
Das ist gar nicht so einfach, das für sich anzunehmen und ins eigene
Leben einzubeziehen.
Du hast Vorfahren, sei dankbar für sie, richte dich an ihnen aus, dann
wird es dir gut gehen. Darin stecken für mich zwei Bereiche. Einmal wird
deutlich, dass wir Menschen Teil einer langen Geschichte sind. Unser
Denken hat eine Herkunft, wir haben etwas übertragen bekommen, das es zu
erhalten gilt. Sich an den Vorfahren ausrichten heißt darum: deren
Leistung zu achten, das Überkommene zu bewahren und es den kommenden
Generationen weiterzugeben. Und dazu gehört auch ein Lernen aus der
Geschichte, ein Lernen aus den Fehlern, die eine jede Generation vor uns
gemacht hat. Wir können nicht einfach sagen, das war einmal, darum
brauchen wir uns nicht zu kümmern. Nein gerade wenn es um den Umgang mit
Menschen geht, dann ist die Rückschau wichtig, wie wir es ja bei jedem
Volkstrauertag wieder vor Augen gestellt bekommen.
Dankbar sein für die Vorfahren heißt aber auch, die Achtung vor dem
Alter zu bewahren. Sorge um den alten Menschen, Sorge um den, der seine
Rechte nicht mehr so wahrnehmen kann. Das steckt in dem, was Jesaja
sagt. Wie wir mit unseren Alten umgehen, mit den Fragen der Rente
genauso wie mit den Fragen der Betreuung der Alten zu Hause oder in
Heimen, daran entscheidet sich auch, wie menschlich wir leben und
handeln. Darin liegt die tiefe Bedeutung des 4. Gebotes.
Nimm anderen Geschöpfen nicht das Leben. Unter uns befindet sich
vermutlich kein Mörder. Doch müssen wir immer eine Waffe in der Hand
haben, um Menschen oder Lebewesen zu töten? Manchmal machen wir Menschen
mundtot, oder wir gehen mit ihnen um, als sind sie für uns gestorben.
Oder im Bereich der Umwelt: der Mensch nimmt sich das Recht, diese Welt
für sich einzunehmen, und alle anderen haben sich danach zu richten. Und
wir regen uns dann darüber auf, dass Umweltschützer wegen eines Stückes
Natur wieder einmal Baugenehmigungen verhindern oder Baubeginne
verzögern, und wir nicht eher eine Autobahn bauen, um 30 Minuten
schneller in einer Stadt zu sein. Aber sollten wir darin nicht auch das
Eintreten für die ohne Rechte sehen, das Eintreten für die Gesamtheit
derer, die mit uns auf dieser Welt leben. Das 5. Gebot reicht weiter als
nur: du sollst nicht töten. Es geht um die Ermöglichung und Anerkennung
des Lebensrechtes des anderen, des anderen Menschen neben mir und des
Geschöpfes neben mir. Auch dies ist ein Bereich, der wieder zur Umkehr
mahnt.
Nimm dir nicht, was dir nicht gehört.
Auf der letzten Konfirmandenfreizeit gab es ein schönes Beispiel für
diesen Satz. Da hat jemand ein Eis gekauft und durch ein Versehen statt
auf 5 € auf 10 € Geld herausbekommen. 5 €, die einem nicht gehören. Ich
habe dies angesprochen, aber das Geld ist nicht zurückgekommen. Ein
alltägliches Geschehen. Steuerbetrug, Schwarzfahren, Inanspruchnahmen
von Geldern, die einem nicht zustehen, alles alltägliches Geschehen in
unserem Lande und manchmal auch bei uns ganz persönlich. Haben wir es
wirklich nötig, so zu handeln? Und ist der Satz: die anderen machen es
ja auch! ein echter Grund so zu handeln?
Rede nichts Falsches über andere, sei vorsichtig mit der Wahrheit.
Wie gerne reden wir über andere, tragen weiter, was uns anvertraut
wurde, ob es nun richtig ist oder nicht. Überprüfen wir, was wir gehört
haben? Fragen wir nach den Quellen? Und die Zeitung: schreibt die immer,
was der Wahrheit entspricht, oder sind Auflagenzahlen entscheidender für
die Überschriften und Inhalte der Artikel? Tragen wir nicht oft genug
auch Vorurteile weiter, weil wir es nicht besser wissen oder besser
wissen wollen? Unser Zunge ist ein gefährliches Instrument, das oft
genug im Dienste des Bösen steht.
Und wie steht es mit der Wahrheit? Sagen wir sie immer, wo es gut und
wichtig wäre? Treten wir wahrhaftig ein für die, die unsere Stimme der
Wahrheit brauchen?
Sei vorsichtig mit der Wahrheit. Dürfen wie sie wirklich immer sagen? Am
Krankenbett ist diese Frage am schwersten zu beantworten. Es gibt
Wahrheit, die Beziehung tötet, aber auch Wahrheit, die Beziehung
eröffnet. "Du musst sterben." Diese Wahrheit führt für manche Menschen
dazu, dass das Gespräch versiegt, für andere wieder, dass endlich das
Eis gebrochen ist, und eine ganz neue Beziehung an diesem Endpunkt
wachsen kann. Und dafür gibt es keine einheitliche Wegweisung, das
können wir immer nur aktuell entscheiden.
Du musst nicht alles haben, was andere haben.
Bei diesem letzten Gebot, das wir sonst mit den Worten kennen: du sollst
nicht begehren deines nächsten Haus, Knecht, Magd, Vieh und alles, was
sein ist, geht es eigentlich um die Frage des eigenen Lebens. Unsere
Gesellschaft ist sehr darauf aus, dass wir vergleichbar sind, dass wir
an bestimmten äußeren Dingen erkennen, wer und was wir sind. Die Werbung
tut das Ihre, uns das zu vermitteln. Aber dieses letzte Gebot will
eigentlich Mut dazu machen, das eigene Leben zu leben und zu gestalten.
Natürlich leben wir vom Vergleich unter uns Menschen. Doch Gott sagt:
richte dich nicht an den anderen aus im Haben. Leben du dein eigenes
Leben, das deine Gestalt gewinnt und verhilf anderen dazu, dass sie ihr
Leben leben können. Nicht im Haben, sondern im Sein liegt das Leben.
Lerne darin Gutes zu tun und trachtet nach dem Recht derer, die rechtlos
sind.
Nicht den anderen beneiden, sondern wenn der andere wichtig wird, dann
als jemand für den es einzutreten gilt, wo er es nicht selber kann, oder
als jemand, dessen Leben vorbildlich ist und dem es insofern
nachzueifern gilt. Doch immer so, dass das eigene Leben sichtbar wird.
Lernet Gutes tun und trachtet nach dem Recht. Das ist gar nicht so
einfach, was Gott da von uns fordert. Das ist tägliche Aufgabe. Insofern
sagte Martin Luther ja auch, dass das Leben jeden Tag Umkehr und Buße
ist. Der Buß- und Bettag ist nur ein Anlass, dies wieder einmal deutlich
vor Augen zu stellen. Und wo wir ihn innerlich als solchen begehen, da
wir Gott auch offen Ohren haben, auf dass er uns hilft, uns täglich zu
ihm hinzuwenden.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 472, 1,2,5
Eingangsliturgie - Gebet:
Gütiger Gott.
Was sind wir, was tun wir, wo sind wir in unserem Leben falsche Wege
gegangen? Wir betrachten uns selber und suchen nach Antworten. Wir
werden sie nicht ohne dich finden, ohne dein richtendes und rettendes
Wort, barmherziger Gott. Darum bitten wir dich: komm zu uns, sprich mit
uns. Hilf uns, die Wahrheit zu erkennen und anzunehmen, die Wahrheit
unserer Schuld und die Wahrheit deiner Gerechtigkeit. So erbarme dich
unser um deiner Güte willen. Das bitten wir ....
Lesung: Jes 1, 10-17
Glaubensbekenntnis
Lied: 144, 1-3
Predigt
Lied: 390, 1-3
Schuldbekenntnis: Psalm 51 - EG 727
Gnadenzusage: Jesus Christus ist den Weg der Liebe und Vergebung für uns
gegangen bis in seinen bitteren Tod. Er hat unsere Schuld auf sich
genommen und getragen, auf dass wir leben können. Im Vertrauen auf ihn,
dürfen wir uns befreien lassen von der Last der Schuld, er hilft uns
befreit zu gehen. Darauf dürfen wir bauen, denn er sagt zu uns: kommt
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken.
Abendmahlsfeier:
Und so lädt er uns ein an seinen Tisch und will uns in Brot und Kelch
seine Liebe leibhaftig zusprechen.
Gütiger Gott, wir danken dir für deinen Sohn Jesus Christus, in dem du
uns deine Liebe lebendig machst. Wir wissen um unser Leben und unsere
Fehler, unsere Schuld, die wir immer wieder auf uns laden. Um so
dankbarer sind wir, dass du uns immer wieder entgegenkommst, um unser
Leben zu verändern. So lass uns teilhaben an deiner Gemeinschaft, die du
uns nun schenkst, so wie am letzen Abend Jesu mit seinen Jüngern.
Einsetzungsworte
Ja, komm, Herr, Jesus, sei du unser Gast, segne, was du uns gegeben
hast. Sende deinen heiligen Geist auf uns herab und erneuere uns, auf
dass wir den Weg durch die enge Pforte jeden Tag gehen können.
Vaterunser
Austeilung
Lied: 216
Abkündigungen - Fürbittengebet
Gott, du rufst uns zur Umkehr, zur Buße angesichts unsere Lebens. Wir
bitten dich hilf uns dabei, lass uns unser Leben an deinem Sohn Jesus
Christus ausrichten. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für unsere Beziehungen in der Familie, in der Nachbarschaft
und auf der Arbeit und anderswo, dass wir aufeinanderzugehen, dass wir
einander achten in unserer Verschiedenheit. Darum rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die in Hass und Streit leben, dass es
ihnen gelingen möge, ihren Blick füreinander zu verändern, um wieder
miteinander leben zu können. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen die mit Gewalt gegeneinander vorgehen: wir
bitten für das Ende aller kriegerischer Auseinandersetzungen auf unserer
Erde, Mögen Gedanken des Friedens und der Menschenfreundlichkeit sich
durchsetzen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir wissen, die Welt ist erfüllt von Not und Schuld, guter Gott, doch
wir hoffen darauf, dass du uns alle fähig machst, dies ein wenig zu
verändern. So lass dein Licht in uns und durch uns aufleuchten. Das
bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder. Amen
Segen
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Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
oben
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