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Jer 9, 22f

Jeder von uns kennt das Wort Halleluja. Wir haben es in diesem Gottesdienst gesungen, und oft genug schon im Gottesdienst gehört. Was es richtig bedeutet, da bekämen wir jetzt vielleicht etwas Schwierigkeiten, das zu sagen, aber irgendwie hat es wohl mit Lob zu tun. Wir loben damit Gott. So ungefähr jedenfalls würde es vermutlich beschrieben werden, würden wir danach gefragt. Halleluja besteht im Grunde aus zwei zusammengesetzten Worte: hallel und der Abkürzung ja für Jahwe, dem Namen des Gottes Israel. Hallel heißt so viele wie: loben, jauchzen, jubeln, meistens geht es eben darum: Gott zu loben und zu preisen.
Nun taucht dieses Worte auch in dem Sinne auf, dass man selber sich lobe, sich preise, oder anders gesagt: sich rühmt. Man rühmt sich einer bestimmten Fähigkeit, eines bestimmten Verhaltens oder auch bestimmter äußerer Gegebenheiten, wie zum Beispiel Besitz, Reichtum oder anderes.
Loben, gelobt werden, sich rühmen, das hängt also eng zusammen.
Heute nun wird dieses Sich-Rühmen von unserem vorgeschlagenen Predigttext in Frage gestellt. So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.
Mir fällt dazu ein, was uns in den letzten Wochen vermittelt durch die Medien vor allem beschäftigt: nämlich die Finanzmachenschaften der CDU. Im Zusammenhang dieser Darstellungen gab es immer wieder ganz ähnliche Filmberichte: da ging es um den Ausstieg und den Ruhm politischer Persönlichkeiten, die Höhepunkte ihrer politischen Laufbahn und dann die Darstellung ihres Falles, das Ende ihres Ruhmes. Leistung wurde beschworen, Verdienste hervorgehoben, das menschlich bedeutsame wurde herausgestellt, ebenso wie die dann folgende Verfehlung, das kritische, also die negativen Seiten des vorhergehenden Ruhmes.
Aufstieg und Fall, Lob und Tadel, Ruhm und verlorenes Ansehen liegen in diesen Tagen bei den betroffenen Politikern ganz eng beieinander. Ich möchte dies nicht weiter bewerten, das ist nicht Aufgabe einer Predigt, aber es liegt doch gerade in dieser Situation vieles, was uns angesichts der Worte des Jeremia in den Sinn kommt.
So unter anderem, dass der Ruhm von Menschen ein sehr vergängliches Gut ist. Heute noch stehen da Leute im Rampenlicht, werden von den Medien und den Menschen hofiert. Der Ruhm verschafft Ansehen, steigert das Selbstbewußtsein und läßt einen gut dastehen. Und dann gibt es immer auch andere, die sich im Licht dieses Ruhmes ebenfalls sonnen, um auch ihren Teil des Ruhmes abzubekommen. Und wie oft steigt Menschen dies zu Kopf, sie glauben sie könnten sich alles erlauben, könnten auf Grund des Ruhmes und des Ansehens alles tun, ohne Rücksicht auf das, was damit vielleicht auch angerichtet wird. Und hinzukommt, dass der Ruhm natürlich vergänglich ist. Wer heute Ansehen hat, kann morgen schon wieder in der Versenkung verschwunden sein.
Ruhm hat damit sicherlich nichts verwerfliches, aber doch eben etwas sehr angreifbares, etwas sehr zerbrechliches. Ruhm ist daher nicht das, was uns Menschen ausmacht, was uns Menschen im Leben trägt. Ruhm mag etwas sehr schönes sein, wer mag nicht gerne angesehen sein, aber wer sein Leben darauf stützt, der wird auch erleben, wie schmerzhaft der Fall ist. Das wäre so der Blick auf den Ruhm an sich.
Nun heißt es in unserem Text: Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Eigentlich sind Reichtum, Stärke oder Weisheit schon Dinge, derer man sich rühmen kann. Weisheit, Kenntnis, Wissen, das sind keine verwerflichen Dinge. Sie sind nötig in unserem Leben und wir sind darauf angewiesen, dass Menschen Weisheit besitzen, um uns für unsere Entscheidungen Hilfe zu geben, um für uns notwendige Dinge zu entwickeln, das Leben für die Menschen zu erleichtern. Auch Stärke ist wichtig für uns Menschen. Nicht nur körperliche Stärke, sondern auch innere Stärke. Sie helfen uns, dem Leben entgegenzustehen, die bedrückenden Seiten des Lebens annehmen zu können, andern darin auch etwas zu bieten. Reichtum, so relativ dieser Begriff auch ist, Reichtum ist eine gute Hilfe zum Leben, sowohl im privaten Leben, als auch natürlich im gesellschaftlichen Leben, denn ein reiches Land bietet mehr und bessere Lebensmöglichkeiten als ein armes Land. Reichtum an sich ist also auch nicht etwas verwerfliches.
Aber das sagt der Jeremiatext auch gar nicht. Ihn so zu verstehen, hieße ihn falsch zu verstehen. Gott klagt hier nicht die Weisheit, die Stärke und den Reichtum als etwas falsches an, sondern den Ruhm der Menschen, die sich damit brüsten, die sich damit in den Vordergrund spielen, die darauf ihr Leben bauen. Dies stellt Gott in Frage, dazu sagt er, dass wir Menschen uns solchen Ruhmes enthalten sollen. Denn Ruhm, der in dieser Weise nach außen tritt, ist ein sehr selbstbezogener Ruhm, der oft genug nur sich selber im Blick hat. Ich bin wer, steht hinter diesem Sich-Rühmen seiner eigenen Weisheit, Stärke oder des Reichtums. Und dies solle nicht geschehen, sagt Gott.
Sondern wer sich denn rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.
Hierin kommt der zentrale Unterschied sehr deutlich zur Sprache. Der Ruhm des Menschen besteht kurz gesagt in der Klugheit des Glaubens. Gott kennen, das heißt für das alte Testament nicht ein intellektuelles Kennen, kein angelerntes Wissen, sondern das Wort das dort benutzt wird, beschreibt ein zutiefst inniges Vertrautsein mit dem anderen, ein enges Verbundensein mit Gott. Rühme dich dieser Verbundenheit, lobe die Klugheit deines Glaubens, denn darin wird wahrhaft menschliches Leben sichtbar.
Die Klugheit des Glaubens vertraut auf Gott, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden. Diese drei Worte gehören zu den zentralen Worten des Alten Testamentes.  Sie beschreiben das grundlegende Verhältnis Gottes zu uns Menschen und in ihnen wird ein Verhalten offengelegt, das uns Menschen als solche auszeichnet, die von Gott her leben, die seinem Willen entsprechen und die damit das Leben dieser Welt im Sinne Gottes gestalten.
Barmherzigkeit: im hebräischen heißt dieses Wort: chäsäd und meint: Huld, Liebe, Gnade, Güte, Freundlichkeit, Barmherzigkeit. Dabei geht es nicht um ein Gefühl in Gott, oder im Leben des Glaubens, um ein Gefühl in uns. Sondern es geht um das tiefe Zugewandtsein zum anderen. Es ist tätige Liebe, von der hier die Rede ist, es ist eine Gnade, die das Wohl des anderen im Auge hat, eine Güte, die dem anderen wohl tut, eine Freundlichkeit, die nicht innerlich bleibt, sondern äußerlich sichtbar wird. Barmherzigkeit faßt die Zielrichtung dieses Wortes für uns insofern zusammen, als dass es hierbei nun in keinster Weise um uns selber geht, sondern wirklich um das Gegenüber, um den anderen, dem die Barmherzigkeit widerfahren soll. Beim Herzen sein, beim Herzen des anderen sein, das ist Barmherzigkeit, die Gott übt, von der wir selber leben, derer wir uns rühmen können und sollen und die uns dazu treibt, diese Barmherzigkeit auch weiterzugeben, sie zu üben, wo immer es nötig ist. Und eine solche Barmherzigkeit ist meilenweit davon entfernt zu sagen: ich bin wer, sondern sie stellt den anderen in Mittelpunkt und sagt: du bist wer, darum verdienst du meine Zuwendung.
Ganz ähnlich sieht das mit dem Begriff: Gerechtigkeit aus. Gerechtigkeit ist ja für uns von dem Gedanken geprägt: jeder bekommt das gleiche, für jeden ist genausoviel da, oder es werden Strafe und Schuld in ein richtiges Verhältnis gesetzt. Gerechtigkeit, gerechtes Handeln ist im Alten Testament ein Wort mit viel größerer Bedeutung. Ein alttestamentlicher Theologe hat einmal gesagt: Gerechtigkeit kann man ohne weiteres als den höchsten Lebenswert bezeichnen, als das, worauf alles Leben, wenn es in Ordnung ist, ruht. Gerechtigkeit ist der Maßstab nicht nur für das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch für das Verhältnis der Menschen untereinander bis hin zu der belanglosesten Streiterei, ja auch für das Verhältnis des Menschen zu den Tieren und zu seiner naturhaften Umwelt. (von Rad, AT Theol. I S. 382)
Dahinter steht, dass Gerechtigkeit kein statischer Begriff ist, keine ideelle Norm, an der alles zu messen ist, sondern Gerechtigkeit meint immer das Gemeinschaftsverhältnis, in dem man sich zu bewähren hat. Der Mensch lebt nie allein, sondern er lebt in Gemeinschaftsbezügen: zu Gott, zu Menschen, zu Tieren, zur Natur. Und das jeweilige Verhalten ist dann gerecht, also von Gerechtigkeit geprägt, wenn dieses Gemeinschaftsverhältnis stimmig ist. Dabei geht es um ein sogenanntes „gemeinschaftstreues“ Verhalten. Lebe ich in Einklang mit der Natur, oder ist mein Handeln gegen die Natur, das ist die heutige Frage des Umweltschutzes. Gerechtigkeit leben heißt, sein eigenes Verhalten so zu gestalten, dass die Gemeinschaft von Mensch und Natur nicht gestört wird.  Lebe ich gemeinschaftstreu mit den Menschen um mich herum oder auch mit den Menschen dieser Welt? Lasse ich dem anderen seinen Raum, oder stelle ich meine Ansprüche über die, des anderen? Habe ich die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Leben im Blick oder nur meine eigenen Vorstellungen und damit mich selber? Hat Gott Raum in meinem Leben, mit seinem Anspruch und Zuspruch, oder ist diese Gemeinschaft dadurch aufgebrochen, dass ich mich selber als Gott hinstelle, als der, der sein Leben in der Hand hat? Überall geht es um die Gemeinschaft und um mein Verhalten angesichts dieser Gemeinschaft. Gerechtigkeit üben, heißt der jeweiligen Gemeinschaftssituation gerecht werden. Ganz aktuell ist genau dies das Problem unseres Altbundeskanzlers: ist das Beibehalten des eigenen Ruhmes als ein gemeinschaftstreues Verhalten und damit als gerechtes, als richtiges Handeln zu sehen?
Recht und Gerechtigkeit, die Gott von uns erwartet und die als rühmendes Handeln die Klugheit des Glaubens ausmacht, ist also niemals ein ichbezogenes Recht, eine ichbezogene Gerechtigkeit, sondern der Vollzug der Verantwortung des Miteinanders von Mensch, Natur und Gott. Und darin liegt der Ruhm, dessen wir uns rühmen können, dass nicht einzelne im Glanz dastehen, sondern dass - wenn überhaupt - Gott im Glanz des Ruhmes dasteht, als der HERR, als der, der das Leben aller im Blick hat. Und zwar so im Blick hat, dass er in Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit dem Menschen entgegenkommt, ihm gibt, was für ihn nötig ist, und ihm damit eine Lebensgrundlage gibt, die den Menschen nicht wanken läßt. Selbstruhm bringt ins Wanken, die Klugheit des Glaubens gibt festen Grund unter den Füßen. Darum: wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
Septuagesimae
20.2.2000
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