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Jer 29, 1-14

Sie kennen sicherlich das Lied von Boney M.
By the rivers of Babylon
„Wir saßen an den Flüssen von Babylon und wir weinten, als wir uns an Jerusalem erinnerten.
Als der Böse uns in die Gefangenschaft schickt, brauchten wir ein Lied. Doch wie sollen wir ein Gotteslied singen in dem fremden Land.
Lass die Worte in unserem Mund und die Gedanken unseres Herzens zu dir kommen in dieser Nacht.
Wir saßen an den Flüssen von Babylon und wir weinten, als wir uns an Jerusalem erinnerten.“
Was war geschehen?
Die Führung des Volkes Israel war schlecht und so gab es auch keinen Halt mehr im Land. Nebukadnezar, König von Babylonien nahm das Land Israel ein. Vor allem nahm er Jerusalem ein und brachte die Oberschicht ins Exil nach Babylonien. Als der Statthalter in Jerusalem einen Aufstand probte wurde 587 Jerusalem wieder eingenommen und diesmal wurde auch der Tempel niedergerissen, die Stadtmauer zerstört und viele Menschen nach Babylonien verschleppt.
Ich denke, Flüchtlingserinnerungen von vor 60 Jahren lassen dieses Lebensschicksal ein wenig erahnen.
Und nun waren diese Menschen in Babylonien im heutigen Irak und fragten sich, wie das Leben weiter gehen kann. Sie hatten nichts, außer die Möglichkeit dort zu leben. Was sie in sich trugen, das war der Glaube an den Gott der Väter, an den Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks. Doch es gab keinen Tempel mehr. Zerstört lag das Zentrum ihres Glaubens danieder. Lag damit nicht auch die Macht Gottes danieder?
Wie können wir ein Gotteslied singen in einem fremden Land? Wie können wir ein Gotteslied singen, wenn Gott nicht mehr gegenwärtig ist?
Die alte Frage nach Gott im Leid taucht hier wieder auf.
Wie antwortet Gott darauf?
Er lässt seinen Propheten Jeremia einen Brief schreiben und zwar aus Jerusalem. "So sagt "GOTT" der Gewalten, die Gottheit Israels, zu allen in der Verbannung, die ich aus Jerusalem in die Verbannung nach Babel geführt habe: Baut Häuser und wohnt darin! Pflanzt Gärten und verzehrt ihren Ertrag. Heiratet und bekommt Söhne und Töchter. Verheiratet eure Söhne und Töchter, so dass auch sie Söhne und Töchter bekommen. Vermehrt euch dort, werdet nicht weniger. Seid um das Wohl der Stadt, in die ich euch verbannt habe, besorgt. Betet um ihretwillen zu Gott, denn in ihrem Wohl liegt auch euer Wohl.
Stellen Sie sich das vor. Sie sind vertrieben, heimatlos, in einem Land, dessen Sitten und Gebräuche fremd sind. Ein Land in dem die Menschen völlig anders leben, als Sie das gewohnt sind und waren. Ein Land, in dem eine völlig andere Religiosität gelebt wird und der eigene Glaube sehr in Frage gestellt ist.
Und dann kommt dieser Brief. Endlich ein Zeichen aus der Heimat, ein Zeichen der Hoffnung, aber mit einem Inhalt, der völlig unerwartet ist.
In diesem Brief wird die Lebenssituation ganz neu: die Verbannung nach Babylonien ist nicht nur eine Strafexpedition des Königs Nebukadnezar, sondern es ist ein Akt Gottes. Doch es wird nicht gesagt, dass dies eine Strafe ist, sondern es wird gesagt, dass Gott darin gegenwärtig ist. Auch die größte Katastrophe ist damit kein gottloser Schicksalsschlag, sondern auch in ihr erweist sich Gott als der Herr der Welt, der seinem Volk treu bleibt.
Gott sagt: Jammert nicht über das über euch gekommene Schicksal. Sondern seht was ist, seht, was ihr jetzt tun könnt. Macht etwas aus dem jetzigen Leben, akzeptiert die neue Lage. Selbst in dieser Katastrophe ist Gott am Werk und präsent. Ihr seid dem Schicksal nicht ausgeliefert, sondern es ist jetzt eine Aufgabe, die es zu gestalten gilt.
Wobei klar gesagt werden muss: Hier wird nicht nach einem Sinn des Leidens gesucht, was der Mensch oft tut und daran schon ebenso oft verzweifelt ist. Kein Leid der Welt macht Sinn, kein Leiden ist sinnvoll! Sondern hier wird versucht, den Menschen in der Gefangenschaft einen Freiraum zu schaffen, in dem sie in diesem Leid und mit dem, was sie zu ertragen haben, leben können! Wir scheuen uns heutzutage ja davor, Gott und Leid zusammenzudenken. Wo das Leben gelingt, wo wir seinen Segen erfahren, wo es uns gut geht, da macht es uns keine Schwierigkeiten. In all den anderen Fällen fragen wir uns stattdessen: Wo war, wo ist Gott? Eine Frage, die sich die Israeliten in Babylonien vielleicht auch gestellt haben. Und die Jeremia damit beantwortet, dass er ihnen einen Glauben zumutet, der die Welt auch an ihren dunklen Seiten nicht ohne Gott denken kann.
Und genau darin liegt für mich die immerwährende Aktualität dieses prophetischen Wortes an Menschen von vor 2500 Jahren. Denn wir hören nicht nur von einem geschichtlichen Ereignis, sondern wir nehmen einen geistlichen Gedanken auf, der für uns alle immer wieder wichtig ist.
Mitten in einer Lebenssituation, die die Menschen sich nicht ausgesucht haben, die über sie gekommen ist, die sie übermannt hat, kommt etwas ins Spiel, was die Menschen herausreißt aus dieser Situation. Gott ist am Werk, er lässt seine geliebten Menschen nicht im Stich. Richte dich ein – Häuser sollen in Babylon gebaut werden, Ehen geschlossen werden, Kinder gezeugt. Baut Häuser und pflanzt Gärten, um davon zu leben. Das sind Hoffnungsbilder, Zukunftsgedanken. Da ist nichts zu hören vom Bejammern des schlimmen Schicksals, das sie ereilt hat. Nimm die neue Lebenssituation an. Es ist deine Lebensaufgabe, die jetzt neu auf dich zu gekommen ist. Die Trennung, die Krankheit, der Abschied, die geringeren Möglichkeiten, die neue Umgebung, weil es zu Hause nicht mehr geht ... es gibt eine Vielzahl von Lebensereignissen, die wir mit dieser Situation am River Babylon in Beziehung setzen können. Nimm diese Lebenssituation an, mach etwas draus. Lass die Gedanken nicht nach hinten gehen, so sehr das Herz das auch will. Gott steht schon längst vor dir und will mit dir nach vorne gehen, um den neuen Lebensschritt mit dir zu gestalten.
Ich empfinde dies als ein großartige Ermutigung für unser Leben. Ich weiß, ich kann diese Situation nicht, also muss und will ich sie annehmen und meinen Weg darin gehen – mit Gott. Glaube heißt hier, vertrauen, dass Gott auch auf krummen Wegen grade schreibt.
Ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe, spricht Gott, es sind Pläne des Friedens und nicht des Unglücks; ich will euch Zukunft und Hoffnung geben. "Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, werde ich euch hören. "Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden; ja wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, werde ich mich von euch finden lassen. Ich werde euer Schicksal zum Guten wenden.
Das ist für mich etwas ganz wunderbares, solche Worte zu hören. Eine festere Zusage als diese kann man doch gar nicht erhalten. Gott hat Pläne des Friedens für uns und nicht des Unglückes. Was wollen wir Menschen mehr. Das ist genau das worauf ich mein Vertrauen setzen möchte: Gott schenkt Zukunft. Die schicksalhafte Lebenssituation ist nicht das letzte Wort, es gibt immer ein Wort das stärker ist, es ist das Wort Gottes, das Zukunft hat.
Und das hat er ja auch auf seine Weise gezeigt in dem Lebensweg Jesu. Der Tod, der eigentlich alles zunichte gemacht hatte, hatte nicht das letzte Wort. Der Tod war von Gott wohl auch so nicht gewollt, aber dieser Welt war auch nicht ohne Gott. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" hat Jesus am Kreuz gerufen. Und ebenso: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist." In dieser Spanne, zwischen dem Gefühl der Gottverlassenheit und dem Vertrauen, liegt die Erfahrung, dass nichts ohne ihn geschieht. Wer sich fallen lassen kann, der weiß, dass er nie tiefer fällt als in Gottes Hände. Die Auferstehung Jesu macht dies auf seine Weise deutlich, wenn darin das Wort Gottes lauter wird als das Wort des Todes.
Und darin liegt die alles übersteigende Hoffnung, die uns Christen eigen ist, dass wir an keiner Stelle wirklich am Ende sind – denn vor uns ist immer wieder Gott selber, der selbst am Ende des irdischen Dasein schon vorausgegangen ist, um uns in die Zukunft zu begleiten.
An den Flüssen von Babylon wurde geweint, und es gibt in jedem Leben solche Flüsse, an denen die Tränen fließen. Doch ihnen stehen die Worte Gottes gegenüber: Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben.

Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: Wir schaun hinauf zu den Bergen L 17 (J.Grote)
Psalm 119,101-108 jeder Vers von der Gemeinde beantwortet mit : Dein Wort sei meines Fußes Leuchte
Eingangsliturgie
Gebet
Gütiger Gott!
Viele gute Worte sind uns von dir überliefert. Durch sie hast du den Menschen Kraft gegeben für ihre unterschiedlichen Lebenswege. So belebe auch uns mit deinem stärkenden Wort, triff uns im Herzen und leite uns auf deinem Wege. Darum bitten wir ...
Lesung: Jer 29, 1-14
Lied: 395,1-3
Lesung Mt 5, 38-48
Glaubensbekenntnis
Lied: 406,1-4
Predigt
Lied 533,1-3
Abkündigungen
Fürbittengebet

Vaterunser
Segen
163
 

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und  Gustedt und
Klein Elbe
  Sonntag
5.11.2006
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