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Hes 18, 1 - 4. 21 - 24. 30 - 32

Die Bibel, das wissen wir, ist in zwei Teile geteilt: das Alte Testament und das Neue Testament. Das Alte Testament erzählt die Geschichte des Volkes Israel bis in die Zeit vor Jesus. Und das Neue Testament erzählt die Geschichte des neuen Volkes Gottes seit Jesus. Beide Testamente gehören in die eine Bibel und beide Teile sind für uns Christen von Bedeutung. Wir lesen die Bibel als das eine Buch, in dem wir Gott begegnen, in dem uns die Geschichte Gottes mit uns Menschen vor Augen gestellt wird.

Mit dem Alten Testament allerdings tun wir Christen und manchmal schwer, denn da stehen Gedanken drin, die den christlichen zum Teil widersprechen. Wir sehen manches von Christus her anders – oder meinen das zumindest, weil es auf den ersten Blick anders klingt.

So geht uns das vielleicht auch heute Morgen mit den Worten aus dem Propheten Hesekiel, die wir als erste Lesung gehört haben. Deshalb möchte ich diese Gedanken heute einmal ganz bewusst aus der Sicht des christlichen Denkens betrachten.

Unser Bibeltext beginnt so: Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte: »Was habt ihr da für ein Sprichwort im Land Israel? Ihr sagt: 'Die Väter essen unreife Trauben, und die Söhne bekommen davon stumpfe Zähne.' Das soll heißen: die Schuld der Väter bekommen die Kinder noch zu spüren. Die Kinder werden verantwortlich gemacht für die Taten der Väter.

Wir kennen das in verschiedenster Weise. Z.B. hört man ja immer wieder, dass die Verbrechen des Naziregimes bis heute alle Generationen belastet, auch diejenigen, die sehr viel später geboren sind. Und dann hören wir auch, dass wir doch nicht immer dafür beschuldigt werden können, als ob wir nachfolgenden Generationen dies ebenso zu verantworten hätte. Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit den Anschuldigungen. Aber auch andersherum: es gibt eine Menge Vorurteile vor allem gegen Menschen osteuropäischer Länder, die munter weiter getragen werden, weil wir uns kaum die Mühe machen, anders darüber nachzudenken. Der Russe", „der Pole" und was wir da so alles kennen an Menschen, die entsprechend pauschal betrachtet werden und dann mit allerlei Urteilen überschüttet werden.

Dagegen spricht nun der Prophet Hesekiel im Namen Gottes:

So gewiss ich, der Herr, lebe: Niemand von euch, niemand in Israel wird dieses Wort noch einmal wiederholen! Ich habe das Leben jedes einzelnen in der Hand, das Leben des Sohnes so gut wie das Leben des Vaters.

Das Sprichwort also soll nicht gelten. Jeder steht alleine vor Gott, alleine mit dem, was er nach außen darstellt. Jeder, so erzählt der Text, steht mit seinem eigenen Leben in der Verantwortung vor Gott und das, was ihm geschieht, ist nicht Fluch des Lebens derer, der die vor ihm gelebt haben, sondern es ist Teil und Schuld des eigenen Lebens.

Das finde ich gut, denn ich möchte nicht gemessen werden an dem, was meine Vorfahren getan haben, sondern an dem, was ich tue, wie ich handele, wie mein ganz persönliches Leben aussieht.

Dennoch muss man im Blick auf die Vergangenheit sagen: natürlich tragen wir an der Geschichte unseres Landes mit. Das Leben unserer Vorfahren prägt auch das eigene Leben, denn wir müssen mit den Auswirkungen leben, mit den Folgen, die sich aus dem Handeln anderer ergeben. So ist unsere politische Geschichte geprägt von dem, was sich im vergangenen Jahrhundert an bösen, aber auch guten Entwicklungen gezeigt hat. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk, dem massivstes Unrecht angetan wurde. Darin geht es nicht um Schuld, die wir nachfolgenden zu tilgen haben, sondern darum, dass wir nachfolgenden Generationen das Handeln unserer Vorfahren deutlich vor Augen haben und entsprechend beurteilen, um daraus ein anderes Handeln zu entwickeln. Da geht es um unser ganz persönliches Denken und Reden und Handeln vor Gott und den Menschen angesichts einer leidvollen Geschichte, die sich  nicht wiederholen darf. Und dies ist etwas anderes, als das Stumpf-Werden der Zähne angesichts der Taten der Väter.

Und was für die politischen Ereignisse z.B. des Dritten Reiches gilt, das gilt auch für andere Bereiche des Lebens: Es gilt jeden Menschen so zu sehen, wie er jetzt und heute ist und lebt und nicht, wie seine Familie mal gelebt hat und welche Auseinandersetzungen da mal gewesen sein mögen. Jeder soll und darf im Blick auf sein eigenes Leben angesehen und beurteilt werden, jeder Mensch ist ein eigenständiges Wesen vor Gott. Das will Gott durch den Propheten Hesekiel vor Augen stellen und das gilt für die Menschen des Alten Testamentes genauso wie für die Menschen des Neuen Testamentes.

Nun geht der Text des Propheten noch weiter. Und da wird nun über die ganz persönliche Schuld des Menschen gesprochen und welche Auswirkungen diese hat.

Da heißt es: Nur wer sich schuldig macht, muss sterben. Dahinter steht eine Rechtsprechung, die viele Vergehen mit der Todesstrafe bedroht. Das ist uns heute fremd. Dieser Gedanke taucht nur auf, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet. Und auch da ist die Todesstrafe nur noch in wenigen Ländern üblich.

Warum diese so drastische Strafe für auch weitaus geringere Vergehen? Das liegt vor allem daran, dass Vergehen nicht nur im Sinne der Tat gesehen werden, sondern auch im Blick auf ihre Auswirkungen. Nimmt man einmal die zehn Gebote, deren Nichteinhaltung auch einmal todeswürdige Strafe nach sich zog. Es geht in den Geboten der zweiten Tafel immer darum, dass die Gemeinschaft nicht zerstört wird. Lebensgemeinschaften brauchen einen sicheren Rückhalt und wer die Gemeinschaft angreift zerstört den sicheren Rückhalt. Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der zerstört die Familiengemeinschaft und setzt damit das Leben aller aufs Spiel. So war es zumindest in der Lebenszeit des Ursprunges dieser Gebote. Wer mordet, der macht die Zerstörung der Gemeinschaft ganz offensichtlich. Der Ehebruch zerstört Lebensgemeinschaften und führt dazu, dass Menschen – zumindest in damaliger Zeit - gemeinschaftslos und damit rechtlos wurden. Wer stiehlt oder jemanden verleumdet, zerstörte das Gemeinschaftsgefüge und ist für die Gemeinschaft nicht mehr tragbar. Und Neid hat Lebensgemeinschaft noch nie gefördert.

Das soziale Leben der Gemeinschaft musste gesichert werden und deshalb wurde ein Verstoß gegen die Gemeinschaft auch hart geahndet.

Sünde und Schuld, so wird deutlich, ist also kein rein persönliches Vergehen, sondern immer eines, das mit den Menschen zu tun hat, mit denen wir zusammen leben. Schuld hat immer eine gesellschaftliche Dimension — auch wenn die Gemeinschaft noch so klein ist. Und weil Gott Gemeinschaft nicht zerstört sehen will, geht sein Bestreben dahin, dass die Menschen dieses gemeinschaftszerstörende Verhalten abtun.

Meint ihr, ich hätte Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss? sagt Gott, der Herr. Nein, ich freue mich, wenn er von seinem falschen Weg umkehrt und am Leben bleibt!

So weit ich bis hierher dem Hesekiel noch folgen kann, so sind seine weiteren Worte aus christlicher Sicht anders zu sehen. Zunächst aber noch einmal das, was der Prophet sagt: Wenn aber der Rechtschaffene sich vom rechten Weg abwendet und Böses zu tun beginnt, dieselben Abscheulichkeiten wie der Verbrecher, soll er dann am Leben bleiben? Nein! All das Gute, das er früher getan hat, wird ihm nicht angerechnet. Weil er mir untreu geworden ist und Böses getan hat, muss er sterben.

Gott gibt jedem noch eine Chance.

Jeder einzelne von euch bekommt das Urteil, das er mit seinen Taten verdient hat. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott! Kehrt also um und macht Schluss mit allem Unrecht! Sonst verstrickt ihr euch immer tiefer in Schuld. Trennt euch von allen Verfehlungen.

Schafft euch ein neues Herz und eine neue Gesinnung: Warum wollt ihr unbedingt sterben, ihr Leute von Israel? Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!«

Dem Ruf der Umkehr kann ich folgen. Tue etwas dafür, dass dein Leben weitgehend ohne Schuld verläuft. Das leuchtet mir ein. Und dass Gott gibt jedem eine Chance gibt, das sehe ich vor allem im Tun Jesu. Aber was ich von Christus her nicht mehr so sehen kann, ist, dass jeder von uns das Urteil bekommt, das seinen Taten entspricht. Hier gilt, dass Gott mit Jesus Christus einen anderen Weg gegangen ist, um seinen Gemeinschaftswillen zum Ausdruck zu bringen.

Gott musste sehen, dass der Mensch immer wieder böse Anteile in sich trägt, dass er nicht grundlegend gut ist und wird. Aber gerade weil Gott das Leben des Menschen will. weil er die Gemeinschaft mit dem Menschen und unter den Menschen nicht zerstört wissen will, deshalb schickte Gott seinen Sohn. Der sollte die, die als Sünder die Gemeinschaft mit Gott verlassen haben, wieder zurückholen. Er holte sie zurück, indem er deutlich machte, dass Gottes Liebe zum Sünder größer ist, als die Notwendigkeit Schuld zu bestrafen. Weil es Gott um die Gemeinschaft geht, sucht er die Gemeinschaft mit jedem, eben auch dem Sünder. Damit macht der die Tat nicht gut, die böse Tat bleibt eine böse Tat, aber das Urteil lautet nun nicht mehr: du musst sterben, sondern es lautet: du sollst leben, leben in meiner Gemeinschaft. Nicht deine Taten sollen ausschlaggebend sein, sondern etwas anderes. Den Tod erleidet Christus, um den Weg zu einem neuen Leben frei zu machen. Und das Vertrauen zu Gott ist es letztlich, was Zukunft schenkt und dann auch Taten der Liebe hervorbringt.

Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! «

Umkehr, das ist die immer wieder neu geschehende Hinwendung zum liebenden, zum verzeihenden, zum erneuernden Gott, der das Herz des Menschen ansieht, der die Taten beiseite schieben kann und so jedem Menschen mit Liebe und Zuwendung begegnet. Darin ist der Neue Bund, das Neue Testament anders als der alte Bund, das Alte Testament, auch wenn die Zielrichtung letztlich dieselbe bleibt. Gott will dass Menschen in der gemeinsamen Verantwortung füreinander leben können, er will die Gemeinschaft der Menschen, die immer neu zu sehen ist und nicht fest gemacht wird an einmaligen und alten Urteilen.

Umkehr heißt deshalb auch: immer wieder neue Zuwendung, immer wieder neuer Anfang von Beziehung und nicht immer stehen bleiben bei den Urteilen und Gedanken von gestern. Wir als Menschen mögen mit solchem Denken unsere Probleme haben, aber weil Gott es vermag, deshalb sollten auch wir es können, es versuchen und praktizieren. So überwinden wir die Vorurteile des Lebens und können Gemeinschaft lebendig halten. Und wenn wir darin die Fehler unserer Väter nicht wiederholen, sondern zerstörte Gemeinschaft erneuern — wie z.B. mit dem jüdischen Volk, den Russen, den Polen, den Zigeunern oder wer immer uns da einfallen mag — dann ist das ein Zeichen der Umkehr im Sinne des biblischen Gottes, der verantwortungsvolles Füreinander will. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel

Lied: 641,1-4 Nun steht in Laub und Blüte

Psalm 103

Eingangsliturgie - Gebet:

Barmherziger Gott!

Du suchst uns Menschen und rufst uns in deine Gemeinschaft und du schaust dabei nicht so sehr auf unsere Taten, sondern in unser Herz. Dafür danken wir dir und bitten dich: erneuere du uns, auf dass wir deine Liebe zu uns in die Welt tragen. Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Lesung: Hes 18, 1-4.21-24.30-32

Lied: 345, 1-5 Auf meinen lieben Gott

Lesung: Lk 15, 1-3

Glaubensbekenntnis

Lied: 353 1-3 Jesus nimmt die Sünder

Predigt

Lied: 607, 1-5  Vertrauen wagen

Abkündigungen

Gütiger Vater im Himmel!

Wir schauen auf unser Leben und sehen darin gutes und schlechtes, wir sehen Erfolge und Misserfolge, Hilfreiches und schädigendes. Wir wissen und sehen: wir sind nur Menschen. Darum ist es gut, dass du da bist und uns immer wieder hilfst unseren Weg durchs Leben zu gehen.

So bitten wir dich: zeige uns Wege der Gemeinschaft,  zeige uns, wie wir miteinander fürsorglich leben können und einander das Leben nicht vergiften. Lass uns hören auf dein Wort und ihm Vertrauen in unserem Tun. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um Vergebung und Erneuerung, wo wir falsche Wege gegangen sind. Behafte uns nicht bei der Schuld von Gestern, sondern führe uns in eine gute Zukunft. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich um die Kraft zur Umkehr, wenn wir immer wieder in die eingefahrenen Gleise zurückfallen. Lass uns erkennen, was falsch war und ist, auf dass wir das Leben hilfreich für viele Menschen gestalten. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir wissen, dass wir nicht ohne Schuld durchs Leben gehen. Nimm uns an als die, die wir sind und verändere uns nach deinem Willen. Schreibe du auf den krummen Wegen unsere Leben gerade. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Vaterunser

Segen

163

 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und  Gustedt
  Sonntag
8. 6. 2008
Liturgischer
Ablauf
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