| Predigt |
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Wir haben Sie gehört die 10 Gebote und auch das Lied mit den Zehn Geboten angefangen zu singen. Solche zentralen Texte haben immer einen großen Nachteil: wir hören sie als Ganzes, doch was soll man dann in einer Predigt auslegen. Jeder der Sätze der 10 Gebote hätte es verdient als eine eigene Predigt zu bekommen, um in seiner Bedeutung recht gewürdigt zu werden. Wir haben da auch bei den letzten Stillen Abenden gemerkt, wie weit reichend doch diese Sätze sind und welche Kraft und Tiefe in diesen 10 Worten liegt. Der Theologe Ernst Lange hat in den 70 Jahren des vergangenen Jahrhunderts die 10 Gebote einmal die 10 großen Freiheiten genannt. Eigentlich merkwürdig, wenn wir die Worte hören: du sollst nicht. Du sollst nicht schränkt ein, es gibt keine Freiheit. Im Hebräischen ist es sogar noch ein Stück stärker formuliert, wenn es dort heißt: du wirst nicht. Wir kennen das, wenn jemand sagt: Du wirst doch wohl nicht die Vase anfassen? Wir ziehen dann gleich innerlich die Schultern ein und sagen: Nein, nein, natürlich nicht. Dennoch finde ich den Gedanken, die 10 Gebote als die 10 großen Freiheiten zu beschreiben, einen wichtigen und hilfreichen Gedanken, denn er zeigt uns, dass Gottes Gebote nicht Leben einschränken wollen, auch wenn wir Menschen die Gebote immer wieder übertreten, sondern dass darin Ermöglichung von Leben steckt. Sie sind ein Geschenk des Lebens, wenn wir sie recht entdecken. Um dies zu sehen, müsste man die Worte: du sollst nicht – durch du brauchst nicht ersetzen. Ich bin der Herr dein Gott, du brauchst keine anderen Götter haben neben mir. Wenn Gott das ist, was unserem Leben über alles Sichtbare hinaus Ziel und Halt gibt, wenn er das Gegenüber ist, an dem wir uns ausrichten wollen, dann heißt das für uns: in dem Gott, der sich als der liebende, der befreiende Gott für das Volk Israel gezeigt hat, der sich in Jesus Christus als der liebende und vergebende Gott gezeigt hat, der auch den Tod überwunden hat, dann gibt es eigentlich nichts auf dieser Welt, was wir mehr bräuchten. Der Gott der Bibel schenkt uns alles, was wir letztlich wirklich zu unserem Leben brauchen. Wir brauchen keinen „Führer“, der durch politische Maßnahmen ein besseres Leben schafft, wie es die Menschen im Dritten Reich glaubten und wie es auch heute noch Menschen meinen, die dieser Ideologie hinter her laufen. Wir brauchen weder rechte noch linke Heilsbringer, auch keine Präsidenten, die dies mit ihrem militärischen Tun versprechen. Wir brauchen auch nicht das, was die Werbung uns verspricht und woran Menschen ihr Herz hängen, Geld, Auto, Konsum, Fußball, oder was es sonst ist, was Menschen durch ihre äußerste Verbundenheit zu gottähnlichem machen. Das Erste Gebot schenkt uns die Freiheit, nichts Irdisches zu etwas zu machen, was Gottescharakter gibt. Wir haben den einen, uns Menschen voll und ganz zugewandten Gott. Von ihm dürfen wir alles erwarten. Und mit dem, was wir von ihm wissen und hören, können wir ein Leben gestalten in dem wir und andere ihren Platz haben und gut leben können. 1) Du brauchst keinen andern Gott, ich geb dir, was gut dir tut. Ich steh dir zur Seite, morgen so wie heute. So haben wir eben gesungen. Im zweiten Vers heißt es: 2) Wenn du seinen Namen nennst, weil du seine Liebe kennst, benutz du ihn richtig, denn das ist sehr wichtig. Gottes Namen wird immer wieder missbraucht, in dem menschliche Wünsche mit dem Namen Gottes verbunden werden. Die Kreuzzüge sind bis heute hin ein großer Kritikpunkt an der Kirche, aber auch heute noch gibt es Menschen und Taten, die mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht damit zu tun haben. Der Kampf gegen das Böse, mit Kriegsgewalt und Unterdrückung, mit Einschränkung von Rechten begründet mit göttlichem Auftrag, das kann nicht sein. Jesus ruft zur Gewaltfreiheit, zur Überwindung der Spirale von Gewalt auf, so können wir nicht Gewalt als legitimes Handeln im Sinne Gottes verstehen. Wenn Gewalt angewandt werden muss, so ist dies immer wieder ein Zeichen dafür, dass wir Menschen zu schwach oder zu einfallslos sind, um andere Wege zu gehen, aber es ist nicht Gottes Weg, der das Leben für die Menschen will. Du brauchst nicht Gott heranzuziehen für Dinge, die du willst, wenn du dich ehrlich siehst als Geschöpf mit Grenzen und Schwächen. Dazu darfst zu stehen. Dann musst nicht den Namen Gottes benutzen, wenn das, was du tust, recht ist und Gottes Willem entspricht. Es ist dann auch sich selber heraus gut und wichtig. 3) Mache dir kein Bild von Gott, das ist wirklich gar nicht gut. Bleibe für ihn offen, denn er will dich treffen. Wir Menschen möchten gerne alles beschreiben können, sehen und anfassen können. Gerade in einer wissenschaftsorientierten Lebensweise ist das soll, es will alles durchschaubar verstanden werden. Wissenschaftler denken da oftmals ganz anders: je mehr sie verstehen, desto weniger verstehen sie, weil sich immer neue Fragen auftun. Nicht durch Verstehen, durch geistiges Vermögen allein verstehen wir die Welt und finden in ihr Halt, sondern durch Vertrauen, durch Vertrauen auf Erkenntnisse und Vertrauen in gütiges Geleit. Für letzteres will Gott uns offen halten, wenn er sagt: du brauchst kein festes Bild, weder eines das du mit Händen greifen kannst, noch eines, das in deinem Kopf ist. Gott ist immer wieder anders, er kommt immer wieder anders auf die Menschen zu. Und er selber hat ein Bild gewagt: Jesus Christus. Daran dürfen wir ihn äußerlich messen und gleichzeitig können wir offen bleiben für Gottes Wirken, das uns in ganz anderer Weise erreicht. So bleibt Gott wirklich Gott und alles andere menschlich, geschöpflich. Du brauchst einen Tag der Ruhe. Das wissen vor allem die, die sich solche Ruhe wenig gönnen und dann irgendwann merken, dass die Kräfte weniger werden, oder der Herzinfarkt oder ein anderer Zusammenbruch nahe ist. Doch es geht nicht nur um Ruhe. Es geht darum, dass der Mensch erkennt, dass Arbeit und Verantwortung für die Welt wohl zum Menschsein dazu gehört. Aber die letzte Verantwortung trägt Gott selber. Nicht wir sind die Herren der Welt, die alles schaffen müssen, sondern Gott hat die Welt in der Hand. Wir dürfen ruhen, weil die Zukunft nicht allein in unseren Händen liegt. Wir dürfen uns die Welt schenken lassen, weil sie nicht uns gehört, sondern Gott sie uns in die Hand gibt. Du brauchst nicht stetig tätig zu sein, die Welt bewegt ein anderer. Du brauchst nicht in ständiger Auflehnung zu leben! Ich, der allmächtige Gott, will dein Vater im Himmel sein. So schreibt Ernst Lange in seinen 10 Großen Freiheiten. Das Gegenteil der Achtung ist die Auflehnung bis hin zur Ablehnung. Pubertät ist wichtig, weil sie hilft selbstständig zu leben. Doch wer nur in Auflehnung oder Ablehnung dessen lebt, was andere vorgelegt haben, der wird nie zur Ruhe kommen. Tradition, leben von dem, was andere zuvor schon durchlebt haben, auf Erfahrung bauen, kann helfen, dem eigenen Leben Stabilität zu geben, statt immer neu Erfahrungen und Entdeckungen machen zu müssen. Wir brauchen dieses Bewährte auch, um inneren Halt zu haben. Der Satz: ich will dein Vater im Himmel sein, heißt: du musst den Halt nicht immer neu suchen, er ist dir geschenkt. Du darfst daraus leben, dass dies schon vor dir Gültigkeit hatte. Darin werden auch Vater und Mutter geachtet, dass man die Tradition anerkennt und verändernd weiter trägt. Du brauchst die anderen nicht als Konkurrenten zu behandeln! Ich, der allmächtige Gott, will dein Beschützer sein. Den Wunsch haben, dass ein andere nicht da sein möge, den Hass gegen einen anderen spüren, das kennen wir gewiss alle. Doch es hält uns etwas zurück, diesen Gedanken auch Taten folgen zu lassen. Und das ist ja auch gut so. Dennoch brauchen wir das Gebot, das uns immer wieder darauf hinweist: der andere ist Geschöpf wie du selber. Und wenn wir die Worte Langes hören, dann sagt er uns weiter: wir müssen Konkurrenten nicht aus dem Weg räumen. Sie gehören zum Leben, sie gehören in diese Welt. Weil ich aber von Gott gehalten und getragen bin, muss ich diese Konkurrenz nicht fürchten. Mein Lebenswert wird dadurch nicht angekratzt. Gott schenkt ihn mir und sonst nichts. Darum muss ich mich dem anderen nicht tödlich entgegenstellen, denn auch er hat diesen von Gott geschenkten Lebenswert. Gott befreit so zu einem viel offeneren Denken. Das Auseinanderbrechen von Beziehungen erleben wir tagtäglich. Vertrauen wird gebrochen und zerstört. Gott will, dass wir vertrauensvoll miteinander leben, wir sollen Gemeinschaften nicht zerstören. Ich, der allmächtige Gott, will der Stifter deines Glücks sein. Wo suchen wir in unserem Leben nach Glück? Wie suchen wir das Glück des Lebens? Hängt es immer nur am Partner, oder liegt das wirkliche Glück des Lebens nicht doch ganz woanders? Hat ein Gebot, das so häufig gebrochen wird, noch seine Bedeutung? Ich denke, keines der Gebote wird wirklich immer eingehalten. Aber es wird dadurch nicht falsch, dass es übertreten wird. Eine rote Ampel behält ihren Sinn, auch wenn ich bei Rot die Straße überquere. Und auch in zerbrechenden Beziehungen wird deutlich: das Vertrauen von Menschen ist das wichtigste. Sich das zu schenken, heißt, dem anderen den Raum zu geben, den Gott auch gibt. Und darin geben wir ein Stück dessen weiter, was zum Glück dazu gehört: voraussetzungslose Annahme. Stehlen und neidisch sein, das heißt: ich meine ich brauche mehr zu meinem Leben, mehr als ich mir leisten kann, mehr als ich bisher habe. Doch was ist das, was ich da begehre, was ich mir unrecht aneigne? Was hilft es mir wirklich in dem, was mein Leben zutiefst ausmacht? Kann Besitz überhaupt Leben erfüllen? Das Gebot sagt: du braucht nicht anderem hinterher zu schmachten, du musst nicht betrügerisch handeln, denn dein Leben ist erfüllt genug, wenn du weißt, dass du gehalten leben und sterben kannst. Damit redet Gott nicht gegen Menschen, die sich etwas leisten können. Aber er zeigt denen, die meinen schlechter da zu stehen, dass es im Leben nicht um Besitz geht, sondern darum, im Leben gefestigt zu sein und zu wissen, woher die Kraft zum Leben kommt. Und die kommt nicht aus dem, was andere haben, sondern aus dem, was Gott schenkt. Zum erfüllten Leben ist viel weniger nötig, als wir konsumverwöhnten Menschen glauben. Du brauchst nicht von der Wahrheit abzuweichen, denn ich weiß, wie du bist und wie der andere ist. Du brauchst dich nicht schön zu reden, den anderen nicht schlecht zu machen, ich kenne euch beide und euch beiden gilt meine Liebe. So möchte ich das Gebot, du sollst nicht falsch Zeugnis reden, wider deinen Nächsten auslegen. Gegen jemanden eine Falschaussage zu machen, etwas in die Welt zu setzen, was nicht der Wahrheit entspricht, das hängt oft damit zusammen, dass wir uns besser machen wollen, oder den anderen wenigstens schlechter, damit wir gut dastehen. Doch brauchen wir das wirklich? Wenn Gott in unser Herz sieht, dann sieht er die guten und die schlechten Seiten gleichermaßen. Doch die Botschaft Jesu ist doch gerade die, dass wir auch mit unseren schwierigen Seiten von Gott geliebt sind. Wir haben sie, dürfen und können sie verändern, werden aber niemals ganz ohne sie sein. Darum müssen wir uns nicht besser machen. Wir dürfen uns und den anderen so sein lassen, wie wir eben sind. Wenn wir unter dem Gesichtspunkt der Freiheit die 10 Gebote hören, dann zeigen sie uns, dass sie ganz wichtige Leitlinien des Lebens sind, Leitlinien, die das Leben leichter machen, die es erfüllter machen. Wie gesagt, wir übertreten die Gebote gewiss immer wieder, aber sie bleiben die wichtigsten Leitlinien eines erfüllten Lebens. Als solche seien sie uns in Herz und Verstand geschrieben als Hilfe zum Leben. Amen. Liturgischer Ablauf Orgelvorspiel Lied: 447, 1-3+7+8 Psalm Ps 1 Eingangsliturgie Gebet EGb S. 385 Gebet 1 Lesung Ex 20, 1-17 Lied: 295,1-4 Lesung Mk 12, 28-34 Glaubensbekenntnis Lied: Zehn Gebote gab uns Gott 1-5 (Jürgen Grote) Predigt Lied: Zehn Gebote gab uns Gott 6-11 (Jürgen Grote) Abkündigungen Fürbittengebet EGb S 76 Vaterunser Segen 163
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