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Text: 5, 21
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Gnade sei mit uns ...
Am Gottesdienst und an den Besuchern des Gottesdienstes wird oft herumgemäkelt.
Es ist eine Veranstaltung, die sehr häufig der Kritik von Menschen
ausgesetzt ist. Erst vor ein paar Tagen erst saß ich mit jemandem
zusammen, der sehr massiv die Gottesdienstbesucher kritisiert hat. Sie
gingen wohl zur Kirche, aber hinterher ist das Leben auch nicht anders,
als bei anderen Menschen. Wozu dann noch Gottesdienst, wenn diese Veranstaltung
den Menschen nicht verändert. Ich habe zwar dieser sehr pauschalen
Kritik widersprochen, denn Christsein und Gottesdienstbesuch haben nichts
mit dem Besser sein des Menschen zu tun. Doch die dahinter stehende Kritik,
dass der Gottesdienst doch etwas bewirken müsse und dass Christen
anders leben müßten, die stand weiter im Raum und dieser Kritik
müssen wir Christen und Gottesdienstbesucher uns immer wieder stellen.
Und das vor allem auch angesichts der Kritik am Gottesdienst, die uns
heute morgen ja nicht von Gegner der Kirche entgegenschlägt, sondern
von Gott selber. Der Prophet Amos spricht im Namen Gottes, wenn er sagt:
Ich bin eure Feiertage leid und verachte sie und ich mag eure
Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer
opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure Dankopfer nicht
mit ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag
dein Harfenspiel nicht hören. Statt dessen ströme das Recht wie
Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Das sind böse und harte Worte, die Amos da den religiösen
Führern seiner Zeit vor fast 3000 Jahren vor Augen gestellt hat. Da
feiern die Menschen Gottesdienste, tun, was die Ordnungen verlangen und
dann heißt es von Gott: ich kann eure Versammlungen nicht riechen,
euer Gesang ist Geplärr, bleibt mir bloß vom Leibe damit.
Wenn wir diese Worte heute hören, dann wird es vor allem diejenigen
treffen und in Frage stellen, für die der Gottesdienst viel bedeutet.
Sie stellen auch mich in Frage, denn für mich gehört die Feier
des Gottesdienst zu den liebsten Aufgaben meines Dienstes. Wenn ich da
allerdings an die Konfirmanden denke, so könnten euch diese Worte
auch aus dem Herzen gesprochen sein: genauso geht es euch ja auch, zumindest
sagt ihr das, wenn wir mal über den Gottesdienst sprechen. Was soll
das eigentlich alles, die alten, blöden Lieder, die haben keinen Schwung
- und selbst wenn wir modernere Lieder singen, das sind eben nicht die
Hits, die ihr sonst bei euch hört. Spaß macht es euch nicht
und verständlich ist diese ganze Veranstaltung für euch auch
oft genug nicht. Und vielleicht sind eure Gedanken und die am Anfang benannten
Gedanken der Kritiker gar nicht so weit weg auch von vielen anderen Christen,
die darum den Weg zu einem Gottesdienst nicht auf sich nehmen, die in dieser
Veranstaltung nichts für sich finden können. Ich gehe lieber
in den Wald, oder tue im Alltag gutes, da muß ich nicht in die Kirche
gehen, so hören wir auch sehr oft.
Allerdings geht es Amos nicht um langweilige Lieder, oder spezielle
Ausgestaltungen von Gottesdiensten. Amos lebte in einer Zeit, wo es seit
längerem keinen Krieg gab. Die Zeit der sogenannten Konsolidierung
des Landes war es. Gute Herrscher, eine immer weiter wachsende und blühende
Wirtschaft bestimmte das gemeinsame Leben. Es ging den Menschen gut, sie
konnten weitgehend ohne Sorgen leben. Zumindest die, die von der wirtschaftlichen
Situation profitierten. Nur war es so, dass diese Situation auch eine Kehrseite
hatte: die Reichen wurden immer reicher, die Einflußreichen hatten
immer mehr Macht, die Armen wurden immer ärmer, die Machtlosen immer
hilfloser. Am Sabbat, dem jüdischen Sonntag, kamen die Reichen und
Einflußreichen zusammen, feierten ihre Gottesdienste, opferten fettes
Fleisch, von dessen Fett sie nach den Ordnungen der Religion einen Teil
ihrem Gott gaben, und damit habe sie ihrem Gott gedient. Zumindest meinten
sie das, bis dieser Prophet Amos kam und mit seinen Worten die vermeintliche
Ruhe störte. Das ist nicht Gottesdienst, was dort geschieht, das ist
im Grunde Götzendienst: denn angebetet wird nicht der lebendige Gott,
sondern die Karikatur eines Gottes, den man mit Fett füttern muß,
damit er Wohlleben schenkt. Der Gottesdienst ist zu einer Feier verkommen,
in der die Menschen nur sich selber in den Mittelpunkt stellen, als gute,
als freigiebige Menschen, die doch alles einhalten, aber letztendlich für
Gott in ihrem Leben keinen Platz mehr haben. Das ist Gott leid, das mag
er nicht hören, er will keine Selbstbeweihräucherung der Menschen
und auch keine Speise- oder Brandopfer.
Was Gott will, das ist etwas anderes. Es ströme das Recht wie
Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos will mit
seiner Kritik, dass Gottes Recht, dass Gottes Gerechtigkeit strömen,
das Land überströmen und so die Wüsten zu Gärten macht,
wie wir gesungen haben.
Auch die Menschen damals meinten, dass ihr Handeln etwas mit Gerechtigkeit
zu tun hat. Wir geben dir Gott etwas, nämlich unsre Opfer, unsere
Lieder und was sonst noch im Gottesdienst gefragt war und dafür dürfen
wir am Wohlleben durch die Teilhaben. Das ist doch gerecht. Wir geben dir,
Gott, etwas und du, Gott, gibst uns etwas. Das ist richtig und gerecht,
dachten die Menschen damals. Und auch heute noch denken viele Menschen
so, die auf verschiedenste Weise einen Handel mit Gott eingehen. Da ist
ein Mensch am Ende, weiß nicht mehr weiter, seine letzte Chance ist
Gott. Er verspricht dies oder jenes zu tun, zu beten, in die Kirche zu
gehen oder was uns auch einfallen mag, nur damit Gott die Lebenssituation
verbessern.
Oder ähnliches geht auch im Nachhinein, wo der Dank für Bewahrung
in bestimmten Handlungen ausgesprochen wird. Auch das ist eine Art Handel,
wenn auch im nachhinein.
Und auch der Gedanke, ich bin doch kein schlechter Mensch und mir geht
es so schlecht, gehört auch dort hinein, dass Gott doch unserem Tun
entsprechen müßte: wenn ich gut bin, dann muß es mir gut
gehen.
Aber all das ist eigentlich der Götzendienst, den Amos anprangert.
Gottesdienst heißt nämlich nicht, dass wir Gott dienen, so als
ob er es nötig hätte, dass wir ihm Lieder singen oder Opfer bringen,
damit er uns wohlgesonnen ist. Nein, Gottesdienst ist an erster Stelle
erst einmal etwas, worin Gott uns dienen will. Er will uns etwas geben,
was wir uns selbst nicht geben können, was aber unser Leben bereichert
und zu einem erfüllten Leben macht.
Nicht wir geben etwas, sondern er gibt und all unser Tun ist nicht
anderes als darauf zu antworten mit Lieder und Gebeten, Glaube und Vertrauen
und mit dem Tun der Liebe.
Gottesdienst zu feiern, das heißt: nicht sich selber zu feiern
und in den Mittelpunkt zu stellen, sondern sich ansprechen lassen, sich
auf den Weg bringen zu lassen, zu sich selber und zu den anderen Menschen.
Gottesdienst feiern heißt, zu wissen, dass ich darauf angewiesen
bin, dass mein Leben Anstöße von außen bedarf, um ein
gutes, ein vor Gott angemessenes Leben zu führen. Wo ich mich diesem
Anstoß verschließe, da bin und bleibe ich nur bei mir selber,
mache mich selber zum Gott und opfere letztlich einem Götzen, der
mir aber nichts zu geben vermag.
Gottesdienst ist keine privatreligiöse Veranstaltung allein zur
inneren Erbauung, sondern es ist das stete ermutigen zu einem Leben in
menschlicher Gemeinschaft, die größer ist, als wir Menschen
uns vorstellen und die mehr ist als nur das Nebeneinander von Menschen.
Gottesdienst ist stete Erinnerung daran, dass wir von Gott her leben, von
ihm her die Richtung für unser Leben empfangen und dass von daher
sein Umgang mit dem Menschen auch unseren prägen muß.
Und das haben die Menschen um Amos herum vergessen, das haben sie nicht
mehr vor Augen gehabt, sondern eben nur noch die Feier ihrer eigenen Relgiösität,
die jedoch nichts mehr mit dem Leben um sie herum zu tun gehabt hat. Amos
redet von falschen Gottesdiensten, weil nicht Gottes Wort und das daraus
resultierende Leben in Recht und Gerechtigkeit die prägende Mitte
ist, sondern nur das leere und bedeutungslose Opfer.
Wir mögen diese Opfer in dieser Weise nicht mehr bringen und ich
will auf keinen Fall die Opferbereitschaft der Gottesdienstbesucher anprangern.
Und doch denke ich, dass wir uns immer wieder mahnen lassen müssen
durch solche Worte, ob wir dem Recht Gottes und seiner Gerechtigkeit immer
wieder nachkommen, oder ob Gottesdienst auch für uns nur ein Privatveranstaltung
ist. Ich habe das schon vor drei Wochen gesagt: Recht Gottes und seine
Gerechtigkeit sind dabei nicht einfach Begriff, die eine bestimmte Ordnung
festschreiben oder die unser Gerechtigkeitsempfinden aufnehmen. Sondern
es geht im Recht Gottes und bei seiner Gerechtigkeit immer darum, ob dem
Menschen, dem ich gegenüberstehe oder der unbekannt neben mir lebt
in seiner jeweiligen Lebenssituation gerecht werde? Hat der Arme in unserem
von Reichtum geprägten Land Möglichkeiten zu leben, gönnen
wir es ihm, wenn die Sozialsysteme greifen, wenn ein Überleben gesichert
ist? Haben die Opfer des menschlichen Handelns wirklich Gewicht, oder bleiben
sie im Denken und Handeln außen vor? Wie sieht es aus mit den Menschen
in Tschetschenien, deren Bedrückung durch die Russen politisch nur
sehr schwach zur Sprache kam? Wie sieht es aus mit dem Beitrag der Wirtschaft
für die Opfer des Nationalsozialismus? Wird das Geld so problemlos
bereitgestellt, wie es zur Rehabilitierung eines Einzelnen in unserem Lande
fließt? Wird den Opfern von Diktaturen so viel Aufmerksamkeit geschenkt,
wie einem verhandlungsunfähigen Diktator? Wird der Tag der Ruhe als
ein Geschenk des Lebens verstanden, als ein Möglichkeit das Leben
auch anders zu verstehen, als nur durch Tun und Leistung, oder opfern wir
den Sonntag auf dem Altar des Wachstums und des vermeintlichen Wohlstandes.
In allem geht es um Recht und Gerechtigkeit. Und die Blickrichtung
Gottes für das Recht und die Gerechtigkeit ist immer die in Richtung
der Armen, der Unterdrückten und der Opfer, es ist die Blickrichtung
der Aufrichtung des Menschen und der Hilfe zum Leben. Darin liegt das Ziel
der Kritik des Amos. Gottesdienst, Gottes Dienst an uns Menschen hat seine
Mitte darin, uns all dessen zu versichern, dies in uns wach und stark zu
halten, damit wir die Mitte des Lebens mit und vor Gott nicht verlieren.
Wir mögen dann sicher Kritik üben am Ablauf der Feier des
Gottesdienstes. Und der ist ja auch sicher immer wieder veränderbar.
Aber ohne ihn zu leben oder ihn nur noch eigenen Ideen unterzuordnen, das
hieße, der Gemeinschaft des Lebens entgegenzutreten, sie zu mißachten
und damit auch das Füreinander und Miteinander des Menschen zu gefährden.
Und daraus erwächst das Unheil für die Menschen. Davor will uns
Gott bewahren, in jedem Gottesdienst anders, in jedem Gottesdienst neu.
Darum ist es wichtig dass wie sie feiern, aber eben wirklich als Feier
des Gottes, der uns auf den Weg bringen will. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe |
Estomihi
5.3.2000 |
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