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Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus
Ägyptenlang, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie
waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten
sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu
Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen
zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was
ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf
Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme
gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor
allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein
Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Wir feiern heute den 10. Sonntag nach Trinitatis. Dieser Sonntag ist dem
Gedenken Israels gewidmet und heißt auch Israelsonntag. Sehr bewusst
haben die Christen, die dies in die Predigtreihe eingebracht haben, dies
getan, denn es geht darum, dass wir Christen unsere geistliche
Geschichte nicht vergessen. Die Geschichte Gottes mit den Menschen
begann nicht erst mit Jesus, sondern es gibt eine lange Geschichte
davor, in die wir mit eingebunden sind und die uns als Christen ebenso
angeht. Unsere Bibel besteht deshalb ja auch aus 2 Testamenten. Und wenn
auch nicht alles aus dem Alten Testament nach Christus seine Bedeutung
behalten hat, so ist dieses Glaubenszeugnis doch für uns Christen Teil
unseres Glaubens.
Die Geschichte des Volkes, in das Jesus hineingeboren wurde, dessen Teil
er war, ist auch unsere Geschichte. Und insofern gibt es diesen Sonntag
des Israelsgedenkens.
Wenn wir heute des Volkes Israel gedenken, so tun wir das sicher alle
mit sehr gemischten Gefühlen. Vor Augen steht uns der Terror im Lande,
die vielen Toten. Jeden Tag neue Schreckensmeldungen:
Selbstmordattentäter der Palästinenser sprechen sich und unschuldige
Israelis in die Luft, Männer, Frauen und Kinder kommen grausam zu Tode.
Und auf jeden Selbstmordanschlag kommt ein neuer Vergeltungsschlag, der
weitere Todesopfer fordert, wie immer in solchen Fällen überwiegend
Unschuldige. Wir hören diese Nachrichten und schütteln den Kopf. Immer
wieder dieselben Gedanken: muss das sein. Müssen die Menschen immer
wieder mit Gewalt versuchen, ihre Probleme zu lösen?
Und vielfach verstehen wir gar nicht mehr, was hinter all diesem
Gegeneinander steht. Es ist gewiss von Anfang an eine sehr
problematisches Unterfangen gewesen, was da in der Mitte des letzten
Jahrhunderts entschieden wurde, dass man das Volk Israel dort in
Palästina nach jahrhundertelanger Abwesenheit wieder angesiedelt hat.
Eingeständigkeit musste gewahrt bleiben in der arabisch-muslimischen
Umwelt. Die Beziehungen zum Westen waren den Nachbarn immer suspekt und
hinzu kam eine Siedlungspolitik, die den palästinensischen Nachbarn
immer mehr Land und vor allem wichtiges wasserreiches Land weggenommen
hat. Während die Israelis ihre Gärten mit gutem Wasser bewässerten,
müssen Palästinenser mit schlechter Wasserqualität sehen, dass sie
überhaupt ein wenig Trinkwasser erhalten. Und inzwischen ist es soweit,
dass Grenzanlagen zwischen den israelischen und palästinensischen
Gebieten errichtete werden, die noch schlimmer sind, als die der
innerdeutschen Grenze. Das kann nur weiteren Hass schüren und das
bedeutet in einer Region, deren Emotionalität ganz anders ist als
unsere, dass das Gegeneinander nicht weniger, sondern noch viel stärker
wird, dass gegenseitiger Hass und Gewalt geschürt werden und eine
Befriedung der Gegend in weite ferne rückt.
Und nun hören wie heute diese Sätze aus der Bibel, die den zweiten
Anfang des Volkes Israel ausmachen. Aus der Fremde, aus Ägypten hat Gott
dieses Volk, dass ihm so wichtig ist, herausgeholt. Zurück in die
Heimat, in die Abraham das Volk geführt hat, soll es nun gehen unter der
Führung des Mose. Gott erinnert an die seine Führung: ich habe euch
getragen auf Adlerflügeln, so wird es bildhaft ausgedrückt. Das Volk,
das geführt von Mose durch die Wüste zieht, steht voll und ganz unter
dem Schutz Gottes, es hat dies durch die Befreiung erfahren dürfen.
Und nun erwartet Gott auch eine Antwort: Werdet ihr nun meiner Stimme
gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor
allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein
Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Die Geschichte des Volkes Israel zeigt, dass die Antwort des Volkes
Israel immer wieder eine andere war. Treue zu Gott wechselte sich ab mit
Untreue und Abkehr von Gott. Und die politischen Verhältnisse, die
geistlich damit in Beziehung gesetzt wurden, führt dann auch dazu, dass
das Land in die Hände von Besatzern kam und das Volk Israel ins Exil
musste. Ihre Hauptstadt Jerusalem wurde mehrfach zerstört.
Doch Gott hielt an seinem Wort fest, behielt und behält als auserwähltes
Volk eine Sonderstellung.
Doch gerade das, was wir heute aus der Bibel hören, macht deutlich, dass
sich aus dieser Sonderstellung eigentlich kein Sonderverhalten ergibt.
Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt
ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.
Die ganze Erde ist mein. Das heißt doch, dass der Gott Israels seinem
Volk nicht das Recht gibt, seine Sonderstellung herauszukehren, sie
auszunutzen für eigene Zwecke. Die Erde, was darauf ist, die Menschen,
die darin Leben, sie stehen alle unter der Güte Gottes. Auch dies gehört
zu dem Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Und aus
christlicher Sicht gesehen, hat Jesus dies ja auch besonders deutlich
gemacht, dass Erwählung nicht heißt, dass Gott nur bestimmte Menschen
annimmt, sondern dass alle Menschen ihm am Herzen liegen.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk
sein, so heißt es weiter. Auch das zeigt die besondere Stellung des
Volkes Israel. Von diesem Volk soll etwas ausgehen, das die Erwählung
auch nach außen hin deutlich macht, aber nicht im Sinne eines
eigensüchtigen Beharrens auf bestimmten politischen Positionen, die dann
mit Gewalt durchgesetzt werden. Sondern, so verstehe ich diesen
Abschnitt der Bibel, doch so, dass Gott als Eigentümer der Welt, als
Maßstab des Umganges miteinander sichtbar wird. In Königreich von
Priestern sehe ich nicht so, dass nun jeder geistliche Funktion im
Tempel hat, sondern dass in dem Tun der Menschen, sich die Bindung an
Gott und sein Wort widerspiegelt. Das Heilige Volk sein, bedeutet nicht,
einfach nur zu sagen, wir sind erwählt von Gott, also haben wir eine
Sonderstellung, die von anderen zu respektieren ist. Nein, es muss so
lauten: wir haben eine Sonderstellung, aber die zieht auch eine ganz
besondere Verantwortung für uns nach sich. Wir haben in unserem Leben
diesen Gott lebendig darzustellen, in unserem Leben und Wirken soll
dieser Gott sichtbar werden, mit all dem, was er uns Menschen an
hilfreichem mitgegeben hat.
Dazu gehört auch der Anfang unseres Textes, die Erinnerung an die
Rettung aus Ägypten. An vielen Stellen des Alten Testamentes wird daran
erinnert, dass Israel auch Fremdling war und dass deshalb der Fremdling
eine besondere Stellung genießt. Er soll keine Unterdrückung erfahren,
ihm soll Hilfe wiederfahren und gute Behandlung. Dies ist in der
augenblicklichen Geschichte des Landes ganz gewiss nicht zu sehen. Da
geht es nur um Wahrung der eigenen Interessen, die bis aufs Blut
verteidigt werden. Eigentlich müsste die Erinnerung an die eigene
Geschichte des Volkes Israel ganz andere Resultate hervorbringen, wenn
man daran denkt, dass gerade dieser Auszug aus Ägypten zu einem der
Bedeutendsten geschichtlichen Ereignisse der jüdischen Religion gehört.
Natürlich wird daran deutlich, dass religiöse Gedanken im politischen
Denken kaum eine Rolle spielen. Und es ist sicher auch schwierig ein
Land von der Religion her zu leiten. Das kann auch ganz furchtbare Züge
bekommen, wie wir aus Afghanistan wissen. Aber gerade am Beispiel
Israels wird deutlich, wie sehr religiöses Denken von den Wurzeln der
eigenen Geschichte her auch dazu führen könnte, ein anderes Handeln
hervorzubringen.
Und darin liegt für mich überhaupt die Bedeutung des heutigen
Bibeltextes, den wir hier bedenken. Wenn Gott hier sagt: "Werdet ihr nun
meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein
Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr
sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein." dann
geht es hier ja nicht vornehmlich nur um Erinnerung an die Geschichte
des Volkes Israel, sondern darum, dass auch wir als Christen, die in der
Nachfolge des Volkes Israel als Heiliges Volk dastehen, dass wir aus der
Gottesgeschichte und unserer Lebensgeschichte lernen, dass wir daraus
Konsequenzen ziehen, die in die Richtung gehen, dass an uns deutlich
wird, dass dieser Gott im alltäglichen Leben seine Bedeutung hat. Am
Beispiel Israel haben wir das eben in großen politischen Bezügen
bedacht. Aber es wird daran auch deutlich, dass Gott einen jeden
einzelnen von uns anspricht darauf, ob wir in dem Bund mit ihm sein und
leben wollen. Ein Volk von Priestern und Heiligen sollen wir sein. Auch
Luther hat ja davon gesprochen, dass wir als Getaufte Priester sind: er
sprach von Priestertum aller Gläubigen. Das bedeutet für ihn, dass wir
alle mit daran beteiligt sind, die Wirklichkeit Gottes in der Welt
dazustellen, dass wir mit unserem Glauben, unseren Vertrauen auf Gott,
der Welt ein anderes Gesicht geben. Indem wir die Erfahrungen des
Glaubens, so wie sie in der Bibel beschrieben sind, umsetzen im Alltag,
im Umgang miteinander, in unseren täglichen Entscheidungen, leben wir
als heiliges Volk. Nicht dass wir dadurch etwas besseres sind, aber wir
arbeiten dadurch mit unseren Möglichkeiten daran, dass Gottes Reich ein
wenig sichtbarer wird, wenn die Menschen gute Lebensmöglichkeiten haben,
in denen deutlich wird, sie sind als Eigentum Gottes hier in dieser Welt
willkommen und wichtig.
Wir werden in diesem Bemühen gewiss nicht alles richtig machen, es gibt
auch im Glauben oft verschiedene Wege. Aber letztlich ist allein
wichtig, ob wir uns in unserem Leben Gott stellen, als jemandem, von dem
wir wissen, dass er für uns da ist, dass er für die anderen da ist und
dass wir für das Lebensrecht aller eintreten.
So geht das Israelgedenken auch weit über die allgemeine politische Lage
oder die schlichte religiöse Verbindung zu den Christen hinaus. Das
Israelgedenken ist das Gedenken des ewigen Bundes, den Gott mit den
Menschen geschlossen hat und den Christus gekräftigt hat. Ein Bund von
dem wir leben und der für die Menschen sichtbar werden soll. Und wenn
wir die Veränderungen der politischen Ereignisse in Israel und Palästina
in unseren Gedanken und Gebeten bedenken, dann sollten wir diesen
Gedanken eben auch auf uns selber beziehen und unser Leben davon
bestimmen lassen.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 445,1-2+4+5
Psalm 74 i.A.
Eingangsliturgie - Gebet:
Herr der Welt, du hast dir das Volk Israel zum Eigentum erwählt, du hast
ihm deine Weisungen zum Leben gegeben und begleitest seinen Welt in
tiefem Erbarmen. Du hast es erwählt, deinen Willen unter den Völkern zu
bezeugen bis auf den heutigen Tag. Dafür wollen wir dir danken. auch
dafür dass du diese Erwählung weitergeführt hast in Jesus Christus, so
dass auch wir an diesem Bund teilhaben dürfen und uns dein Volk nennen
dürfen. So hilf uns allen Juden und Christen deinen Willen in dieser
Welt sichtbar zu machen, auf dass deine Güte überall lebendig wird. Das
bitten wir durch Jesus Christus unseren Herrn, der mit dir und dem
Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung: Jer 31, 34 (276 im Lektionar)
Lied: 290,1-3
Lesung: Lk 19, 41-48
Glaubensbekenntnis
Lied: 538 1-3
Predigt
Lied: 433
Abkündigungen - Fürbittengebet
Barmherziger Vater!
Wir bitten für das Volk Israel, das es sich immer wieder als dein
geheiligtes Volk versteht und daraus ihr Leben gestaltet. Lass es aus
den Hoffnungen leben, die du ihnen gegeben hast, lass sie deinen Willen
erfüllen im Leben.
Und so beten wir vor allem für das Land Israel und seine politischen
Führer, dass sie den Frieden suchen, die Gewalt verhindern, Hass
beiseitelegen und die Gemeinschaft des Lebens suchen. Darum rufen wir zu
dir: Herr, erbarme dich.
Wir beten für die Menschen in Palästina, für die Menschen, die
Selbstmordattentate planen und durchführen, dass sie Wege finden, aus
dieser Einbahnstraße herauszufinden. Lass Gewalt nicht weiter
eskalieren, hilf zu Gedanken von Frieden und Versöhnung in den Köpfen
von Politikern und Führern politischer Gruppen. Darum rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir bitten für uns Christen, dass wir das Schicksal unserer jüdischen
und moslemischen Brüdern und Schwestern nicht aus den Augen verlieren.
Dass wir uns betreffen lassen, von den täglichen Schreckensnachrichten
und dass wir das Unsere tun, um den Unfrieden zu überwinden. Darum rufen
wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für uns, die wir mit Gott verbunden leben, dass wir unser
Leben von ihm her gestalten. Möge in unserem Leben sichtbar werden, dass
Gottes Güte uns begleitet. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Persönliches Gebet in der Stille
Segen
163
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