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1. Mose 13, 1-12

Text: So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm, ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai, eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des HERRN an. Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, daß sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander wohnen.
Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande.
Da sprach Abram zu Lot: Laß doch nicht Unfriede sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.
Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Denn ehe der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie wasserreich, bis man nach Zoar kommt, wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, so daß Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten am unteren Jordan. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom.

Frieden stiften! ... bevor der Frieden stiften geht!
Mit diesen Worten begann eine Predigtmeditation zu unserem eben gehörten Predigttext für diesen Gottesdienst, der der Ordnung des Bittgottesdienstes für den Frieden folgt. Frieden stiften! ... bevor der Frieden stiften geht!

Wie kann das aussehen auf dem Hintergrund des eben gehörten?

Es wird in dem Fall von Abraham und Lot eine interessante Lösung der Friedensstiftung vorgeschlagen: nämlich die Trennung. Frieden durch Trennung, ist das wirklich die richtige Möglichkeit? Ist dies nicht eine Scheinruhe, die da entsteht, wenn die Fäuste nicht mehr schlagen können, aber in er Tasche geballt bleiben?

Trennung bedeutet für uns oft: Unfriede, da werden Unterschiede festgeschrieben, Vorurteile womöglich gefördert und Versöhnung doch zunächst ausgeschlossen. Gettobildung, Apartheid, Ausgrenzung, Selektion, all das sind Begriffe, die mit Trennung verbunden sind und die uns keinen Frieden vor Augen stellen. Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts stellt uns dabei leidvolles vor Augen: Juden wurden separiert, angefangen vom Judenstern über die Reichsprogromnacht bis hin in die Vernichtungslager von Auschwitz, Buchenwald, Maidanek und den vielen anderen KZs, die es gab. Ausgrenzung erlebten die, die von Deutschen verschmäht wurden und später als Racheakt die Deutschen, die ihre angestammt Heimat verlassen mußten. Friede war das nicht, den die Trennung da geschaffen hat. Unser Bild des Friedens ist geprägt von Annäherung, Verständnis, Versöhnung, Gemeinschaft, von Überwindung von Trennung. Wo das geschieht, da lebt der Friede, da blüht etwas auf.

Doch ehrlich gesagt: hat die Ächtung der Trennung mehr Frieden gestiftet. Kann nicht auch in Veränderung des berühmten Satzes von Willy Brandt gesagt werden: es ist zu trennen, was nicht zusammengehört? Es gibt doch im menschlichen Zusammenleben Gegebenheiten oder Umstände, die getrennt werden oder bleiben müssen, die nicht zusammengehören, weil die Natur der Dinge es verlangt oder die Umstände es gebieten ... um des Friedens willen. Das betrifft Trennungen im persönlichen Bereich genauso wie im großen politischen Bereich: z.B. im Balkan. Da sind zunächst Trennungen nötig, um Frieden zu stiften, auch wenn wir den Zustand sicher nicht Frieden nennen können.

Abram und Lot sie haben sich getrennt, weil sie nicht mehr zusammenleben konnten. Sie haben den Frieden der Trennung gesucht, weil der Frieden des Zusammenlebens gefährdet war. Sie haben den Frieden gesucht, indem sie die friedliche Trennung bewußt angegangen sind.

Dazu muß man natürlich bereit sein, auch die Situation genau in den Blick zu nehmen. Frieden stiften kann man nur, wenn man die Lebenssituation so wahrnimmt, wie sie ist. Bei Abraham und Lot war es so, dass nicht der unterschiedliche Reichtum die beiden auseinandergebracht hat, sondern die segensreiche Entwicklung des Viehbestandes. Abraham sieht den Unfrieden kommen, nicht weil die Menschen so unfriedlich sind, sondern weil die Lebensumstände sich gewandelt haben.

Und nun geht er hin und will Frieden stiften, bevor er zerstört wird. Und er tut dies, indem er sagt: wir müssen uns trennen. Wohin willst du gehen? Wenn du nach rechts gehst, gehe ich nach links, gehst du nach links, gehe ich nach rechts. Die Lösung des Problems wird nicht auf dem Hintergrund eigensüchtiger Gewinninteressen gesucht, nicht das beste Stück Land, nicht die reichsten Wasservorräte lassen hier den Vorschlag erwachsen, sondern es ist der Wunsch nach einem uneingennützigen Frieden. Wo findet man derartige Uneigennützigkeit im Blick darauf den Frieden zu stiften. Die Friedensverhandlungen im Nahen Osten oder auch die Auseinandersetzungen im Balkan, die immer wieder aufflammen bieten da ein ganz anderes Bild und viele Trennungsauseinandersetzungen bei Eheleuten sind von der Eigennützigkeit geprägt.

Abraham konnte diesen Weg gehen, weil er ein großes Vertrauen besaß, ein Vertrauen, das ihm sagte: ich brauche mich nicht zu sorgen um meine Zukunft, für die ist gesorgt - durch Gott. Er vertraut der Verheißung, die er am Anfang des Weges erhalten hat: ich führe dich in ein Land wo Milch und Honig fließen. Abraham hatte nichts mehr als diese Worte, er hatte keinerlei konkrete Vorstellung wohin es gehen wird, er konnte also gar kein falsches Spiel mit Lot spielen. So konnte er eben auch gelassen bleiben, ohne Angst wahrnehmen, wie die gemeinsame Lebenssituation ist.

Er hat es dann so umgesetzt, dass er mit Lot das Gespräch über das gesucht hat, was ist. Wer Frieden stiften will muß reden, muß ins Gespräch kommen, muß über seine Sicht der Dinge Rechenschaft ablegen. Streit kann nicht überwunden werden, wenn nicht alle über die Sicht der Dinge bescheid wissen, wenn nicht Unterschiede in der Sichtweise offen auf dem Tisch liegen. Das kostet Zeit, das kostet Kraft und Geduld, aber wer Frieden stiften will, kann nicht alleine entscheiden. Frieden mit anderen geht eben nur mit den anderen und nicht ohne sie. Das ist etwas ganz wichtiges, dass wir miteinander reden, vor allem dann wenn Streit im Anmarsch ist, wenn Unfriede sich auszubreiten droht. Meistens ist es ja nicht so, dass wir miteinander reden, sondern übereinander. Wir wissen alles immer besser über den anderen, teilen dies auch frohgemut weiter und merken oft gar nicht wie sehr wir damit Unfriede säen, Trennungen forcieren, die aber letztlich dann nicht das gute Ergebnis aus der Wahrnahme der Situation ist, sondern nur das Ergebnis einer friedlosen Auseinandersetzung. Es muß darum gehen, dass beide Seiten nach der Wahrheit fragen und daraus Lösungen entwickeln. Das bedeutet Selbstkritik, Wahrnahme und Eingeständnis von Fehlern und Schuld und es bedeutet auch den Eigennutz beiseite zu schieben. Das betrifft die Geschichte unseres Volkes genauso, wie die ganz persönliche Geschichte des Unfriedens in unserem je eigenen Leben.

Friedensstiftung mit Trennung dessen, was sich nicht verträgt. Im Blick auf unser derzeitiges gesellschaftliches Umfeld ist dies sehr zwiespältig zu sehen. Unfriede sehen wir z.B. durch die wachsende Zahl der Neonazis. Das NPD-Verbot wird angestrebt. Ich bezweifele, dass dies das richtige Mittel ist, die Gedanken dieser Menschen zu verhindern. Ein Zeichen ist es gewiß, hoffentlich keines, das am Ende in eine andere Richtung geht. Ich halte es für richtig, dass wir uns trennen von falschen und menschenverachtenden nationalen Gedanken, von einer durch Gewalt begleiteten nationalegoistischen politischen Sichtweise. Unsere Geschichte hat gezeigt, welche Folgen derartige Gesinnungen zeitigen. Insofern gilt es sich von diesen Gesinnungen zu trennen.

Allerdings darf die Trennung von Unliebsamem nicht als Allheilmittel angesehen und überall angewandt werden. Viele möchten sich auch von den bei uns lebenden Ausländern trennen. Weg sollen sie, weil sie uns im Wege sind, weil sie uns vermeindlich ausnutzten, weil sie unseren Reichtum und unsere Entwicklung stören. Weg mit den Menschen, dann haben wir keine Probleme mehr. So einfach geht es dann aber letztlich eben nicht. Das ist nicht Friedensstiftung durch Trennung, sondern damit wollen wir unseren Besitzstand und unsere Vorteile erhalten auf Kosten derer, denen wir oftmals dieses Besitzstand verdanken.

Abraham geht einen anderen Weg der Trennung: Er nimmt Lot die Angst vor der Zukunft, indem er ihm die Wahl läßt. Abraham will keinen Vorteil durch den Frieden, er will einen Frieden bei dem es keinen Unterlegenen gibt. Gehst du nach rechts, geh ich nach links, gehst du nach links, geh ich nach recht. So lautet sein Angebot. Abraham kann dies so sagen, weil er ohne Angst vor der Zukunft lebt, weil er eine Hoffnung in sich trägt, die weiter reicht, als menschliches Denken vermag. Insofern gehört zu einem wirklichen Frieden auch immer ein religiöse Dimension dazu, eine, die auf Grund des Glaubens eigensüchtige Gedanken nach hinten stellen kann. Wer keine Angst um sich haben muß, der kann dem anderen das Leben gönnen, der kann ihm Lebensraum ermöglichen. Abraham will den anderen nicht einfach loswerden, sondern er gönnt ihm das Leben, weil er es als von Gott gegeben versteht. Und das eben auch noch im Streit. Die Menschenliebe Gottes wird geachtet, genauso wie die Verheißungen Gottes, denen sich Abraham anvertraut. Abraham kann sagen: wir sind Brüder, wir sind verbunden, füreinander verantwortlich, auch noch im Streit.

Darin wird Abraham zum Segensstifter, so wie Gott es ihm gesagt hat: du sollst ein Segen sein. Frieden stiften, bevor er stiften geht, das heißt also: für den anderen und mit dem anderen segensreich handeln, sei es in der Trennung oder in der gemeinsamen Überwindung des Streites. Wichtig dabei ist, dass Segen sichtbar wird. Volkstrauertag ist ein Segenstag, wenn er uns ermutigt in dieser Weise Frieden zu stiften, aus der Trauer heraus, Frieden für andere zu ermöglichen. Abraham und Lot stifteten einander Frieden, einer muß ihn anbieten, nur so kann er gelingen. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Meine Gedanken sind eng an der Meditation von Helmut Bahlmann, Brake, ausgelegt, die in der Gottesdienstordnung des Bittgottesdienstes für den Frieden in der Welt 2000, Hrg. EKD, abgedruckt wurde.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe  Gustedt
und Klein Elbe
  Predigt zum Volkstrauertag nach der Ordnung des Bittgottesdienstes für den Frieden 18. u.19.11.00
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