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Röm 14, 10-13

Die Fußballweltmeisterschaft bestimmt diese Zeit in hohem Maße. Abends sind die Straßen leerer, bei den Deutschlandspielen besonders und der Jubellärm ist in vielen Häusern zu hören, zumindest wenn es was zu jubeln gibt, was wir sicher für den heutigen Tag erhoffen.

Neben dem Jubel fällt allerdings auch etwas anderes auf, nämlich die Art und Weise, wie wir Menschen auf so ein Spiel reagieren. 30 Millionen Zuschauer allein in Deutschland hatte unser letztes Spiel gegen Ghana. 30 Millionen Zuschauer, das bedeutet auch irgendwie: 30 Millionen Trainer, die am heimischen Fernsehgerät genau wissen, was jeder falsch macht, wie jeder zu spielen hat.

Und ähnlich geht es nicht nur in unserem, sondern ja auch in unseren Nachbarländern zu. Frankreich ausgeschieden nach heftigem Eklat. Italien ebenso nach wohl zu wenig innerem Engagement. Und dann treten sie auf, die selbsternannten Fußballtrainer und diejenigen, die ganz schnell auch die Schuldigen ausmachen. Einzelne Spieler, die jeweiligen Trainer oder wer auch immer: er ist Schuld an diesem vermeintlichen Desaster. Mit so einem kann man nicht weitermachen. Es wird zum Rücktritt gedrängt oder der Rauswurf kommt von offizieller Seite.

Diese Urteile und Verurteilungen kommen schnell. Man hat ja alles gesehen. Durch die Vogelperspektive der Stadionkameras hat  man den entsprechenden Überblick und erhält damit natürlich das Recht über alles und jeden zu reden, zu urteilen und auch zu verurteilen – das Bier in der Hand und die Füße weit von sich gestreckt.

Woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du – woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten?

So fragt der Apostel Paulus heute Morgen in dem für den heutigen Tag ausgesuchten Predigttext.

Wir sehen es doch alle. Und wir haben doch kluge Kommentatoren, Fußballfachleute, die uns drauf hinweisen, wie die einzelnen Spieler und Trainer sich so verhalten und warum sie so schlecht sind. So könnten wir im Blick auf den Fußball antworten. Aber trotzdem bleibt die Frage: Woher nehme ich das Recht, jemanden so abzuurteilen.

Vor einer Woche hatte ich ein schönes Erlebnis, dass es mir persönlich deutlich gemacht hat, wie sehr man oft in der vermeintlichen Vogelperspektive alles weiß, aber letztlich überhaupt nichts weiß.

Unsere Tochter spielt Fußball. Und am letzten Sonntag wurde eine sommerliche Abschlussfeier ausgerichtet. Natürlich auch sportlich. Die Mädchen sollten gegen ihre Eltern antreten. Wir haben diesen Spaß auch mitgemacht. Wir, die wir sonst außen stehen und das Spiel vom Spielfeldrand sehen und unsre entsprechenden Kommentare abgeben, waren nun aufgefordert diesen sicheren Platz zu verlassen. Nun standen wir mitten im Geschehen. Und ich muss ehrlich sagen: da hat sich für mich manches gewandelt. Die von denen ich vor dachte, dass sie nur wenig auf dem Platz können, gingen nun plötzlich auf mich zu. Ich habe den Ball am Fuß und dann stürmt die geballte Spielfreude, der geballte Ehrgeiz einer 10jährigen auf mich ein. Und selbst wenn ich dabei manchmal der Sieger des Zweikampfes geblieben bin, ich war total erstaunt wie anders die Spielweise dieser Kinder auf dem Platz gewesen ist. Das lag nicht an den Kindern. Die werden auch vorher so gespielt haben in den Punktspielen, wo ich sie gesehen habe.

Doch ich habe meinen Platz gewechselt. Ich habe die Vogelperspektive des Außenstehenden verlassen und war mitten im Geschehen. Ich musste mitspielen, musste mit meinen eigenen Möglichkeiten, mit meinen eigenen Grenzen erkennen, was es heißt, gegen diese quirligen Kinder ein Fußballspiel zu bestreiten. Und ich habe seitdem eine große Hochachtung vor dem, was diese Kinder da auf dem Platz leisten.

Woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du – woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten?

Nun werden am Spielfeldrand des Mädchenfussballs die Kinder nicht verurteilt oder verachtet. Aber sie werden beurteilt und dieses Urteil hängt dann auch fest in einem. Und seien wir mal ehrlich, so geht es doch in unserem Leben auch immer wieder. Wir beurteilen Menschen, und oft genug verurteilen oder verachten wir Menschen. Am Freitagmorgen z.B. stand in der Zeitung, dass eine jüdische Tanzgruppe mit Steinen beworfen wurde. Ein 16jähriger, zwei 11jährige und ein 9jähriger, alle aus einem islamischem Lebenskreis, waren dafür verantwortlich. Auch hier gehe ich davon aus, dass diese Kinder in sich eine Verachtung gegenüber Juden in sich trugen, die ihnen über die Erziehung eingeimpft wurde. Dieser Verachtung machten sie Luft, ohne zu wissen, was sie da tun.

Woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen? Und du – woher nimmst du dir das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verachten?

Woher nehmen wir uns das Recht gleich in welcher Lebenssituation Menschen zu verurteilen oder zu verachten? Das ist eine Lebensfrage, die uns denke ich immer wieder zu denken gibt. Denn eines ist gewiss, wir Menschen sind in vielen Lebensbereichen schnell dabei, über Menschen zu urteilen und sie mit unserem Urteil klein zu machen und an den Rand zu stellen,  wenn nicht gar an den Pranger zu stellen. Oft genug geschieht das, weil sie nicht so leben wie wir, weil sie anders aussehen, anders reden, anderes essen oder trinken, weil sie nicht so denken wie wir selber. Und wir meinen dann oft genug, dass wir selber das Maß aller Dinge sind. Das ist uns oft nicht bewusst, wenn wir mal wieder über jemanden reden, wenn wir ihn in uns oder in Gemeinschaft mit anderen schlecht machen. Doch jedes negative Reden und Urteilen über einen anderen Menschen bedeutet, dass wir uns abheben und oft genug überheben über diesen Menschen. Wir begeben uns in die Vogelperspektive – wie beim Fußball – und meinen damit über den Dingen zu stehen.

Doch seien wir mal ehrlich: wir sind keine Vögel, wir können uns nicht erheben, um über andere zu urteilen, denn wir selbst leben auf der Erde und sind mit unserem Leben eingebunden in all das, was das Leben so ausmacht.

Wir alle werden einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen. So wird also jeder von uns über sein eigenes Leben vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.

So sagt es der Apostel Paulus. Wenn du selber auf dem Fußballplatz stehst, dann sieht dein Blick plötzlich anders aus. Wenn du selber in der Geschichte des Volkes Israels stehst, dann sieht der Blick in die Welt anders aus. Wenn du dich hineinversetzt in den anderen, dann wird die Erfahrung eine andere sein. Und vor allem: wenn du dein eigenes Leben anschaust, wenn du dein Leben vor den Augen des über uns stehenden Gottes siehst, wie sieht es dann aus mit dem Überheben über andere?

Paulus gibt uns Menschen eine besondere Perspektive, um das Leben der anderen in anderer Weise zu sehen. Er macht deutlich, dass wir in unseren Beurteilungen und Verurteilungen nicht so sehr auf das Verhalten und die Fehler des anderen schauen sollen, sondern zuerst einmal uns selber in den Blick nehmen sollten. Nicht der andere oder die andere ist das Maß, sondern wir selber, wir selber vor Gott. Der Balken im eigenen Auge, von dem Jesus redet – er wird so gerne übersehen, ja wir versuchen ihn klein zu reden, oder haben ihn sozusagen im blinden Fleck, damit wir uns damit nicht beschäftigen müssen. Zumal es ja viel schöner ist, die anderen klein zu machen.

Wenn Paulus nun sagt: jeder steht für sich selber da, jeder ist für sein Leben verantwortlich und steht vor dem, der letztlich alles im Blick hat, dann verändert sich so manches im Leben. Wenn ich bei jedem Urteil, das ich über andere fälle, mich selber zuerst einmal prüfe, wie es denn mit mir selber aussieht, dann wird auch mein Urteil über andere milder ausfallen. Dann werde ich mehr Verständnis aufbringen und so sicher hilfreicher sein, als mit den von mir selber losgelösten Urteilen und Verurteilungen.

Das heißt sicher nicht, dass es nicht auch Urteile und Beurteilungen geben muss. Was nicht in Ordnung war, muss auch benannt werden. Gäbe es das nicht, gäbe es auch keine Veränderungen, keine Entwicklungen. Wichtig dabei ist nur, wie der Mensch dabei behandelt wird. Und darauf kommt es Paulus an. Den Menschen in seiner Menschlichkeit, mit seinen Fehlern und Schwächen, mit seinen Grenzen, mit seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu sehen, vor allem sich selber darin wahrzunehmen, um daraus dann die Urteile über andere zu fällen, das ist das Ziel der Gedanken des Paulus, der eben auch merkt, dass Gemeinschaft daran zerbricht, wenn wir Menschen das aus den Augen verlieren.

Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! wie Paulus sagt.

Hören wir auf einander schlecht zu reden, einander schlecht zu machen. Hören wir auf immer nur zu kritisieren, sondern wirken wir daran mit, dass die positiven, aufbauenden Gedanken Raum gewinnen können.

Martin Luther hat dazu mal etwas Wunderbares formuliert. Es ist zu finden im kleinen Katechismus und zwar in der Erklärung des 8. Gebotes, das das lautet: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Von uns ja immer abgekürzt mit: du sollst nicht Lügen. Aber es geht in dem Gebot um das falsche Zeugnis vor Gericht, bzw. die Beurteilung und Verurteilung von Menschen. Luther schreibt: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.

Ich finde, das ist eine wunderbare Lebensmaxime, die Luther da vor Augen stellt. Statt immer nur das Negative zu sehen und breit zu treten, will er, dass wir das Leben zum Positiven wenden. Nicht verurteilen, sondern entschuldigen. Also das Leben aus der Perspektive des andere betrachten, sich in ihn hineinversetzen und ihm gutes wollen. Nicht nur für ihn Gutes wollen, sondern Gutes von ihm reden und alles zum besten Kehren. Das heißt nicht, dass man nicht auch mal sagen darf, was schlecht war. Auch das ist nötig, ich habe es schon angedeutet. Entwicklung braucht das Benennen von Fehlern. Die Frage ist nur, wann und wo und wie wir das tun. Es muss ja nicht in der Öffentlichkeit geschehen, die gerne solche Nachrichten hört. Ich finde, da macht es unser Bundestrainer gut. Ich habe von ihm noch nie öffentlich eine Verurteilung seiner Spieler gehört, er redet viel Gutes von seinen Spielern, er kehrt alles zum Besten. Und das ist sicher nicht nur beim Fußball die richtige Taktik des Miteinander, sondern auch im alltäglichen Leben. Paulus bringt uns heute dazu, diesen Weg neu miteinander zu beschreiten.

Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel

Lied: 443,1-4 Aus meines Herzens Grunde

Psalm

Eingangsliturgie

Gebet  EGb S. 357 Gebet 3

Lesung

Lied 428, 1-5

Lesung

Glaubensbekenntnis

Lied Ihr seid das Salz der Erde

Predigt

Lied 389,1-5

Abkündigungen

Fürbittengebet

Gott, lass deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
unter uns lebendig werden,
dass wir einander nicht ins Unrecht setzen,
dass wir einander nicht zu Fall bringen;
dass wir einander nicht in den Schwachstellen herumrühren,
um auf Kosten der anderen im besseren Licht erscheinen zu können.

Gott, lass deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
unter uns lebendig werden,
dass wir bereit sind, deine Liebe miteinander zu teilen
und untereinander zu mehren,
dass wir einander liebevoll ansehen
und dabei die Stärken aneinander entdecken und herausstellen.

Gott, lass deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
unter uns lebendig werden,
dass wir einander die Chance geben,
unsere guten Seiten zu zeigen
und das Beste aus uns herauszuholen,
dass wir einander vertrauen können
und gemeinsam deinem Reich entgegengehen.

Stille

Vaterunser

Segen

163

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Gustedt  und Klein Elbe

26. 6. 2010

Liturgischer
Ablauf
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