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Wenn
die Glocken läuten
Ungewohnt ist, wenn jetzt in unseren Dörfern um 11 Uhr die
Glocken läuten. Die Dörfler wissen: es ist Erntezeit. Vom Einbringen des
ersten Brotkorns die ganze Erntezeit hindurch bis zum letzten Fuder läuten
die Glocken den "Ernteschauer", als Dank für die Ernte und als Bitte, dass
man das Getreide ohne Verlust in die Scheunen einfahren möge.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass zu bestimmten Zeiten regelmäßig geläutet
wird, so wie es jeder Kirchenvorstand beschlossen hat. Glocken läuten am
Vorabend den Sonntag ein und sie rufen zu den Gottesdiensten. Sie läuten
auch zu anderen kirchlichen Feiern wie Hochzeiten und Beerdigungen. Doch
wir horchen auf, wenn morgens um 8 Uhr die Glocke zu hören ist: wieder ist
jemand aus unserer Gemeinde gestorben. Wer mag es wohl diesmal sein?
Es ist schon ein Zauber um diese großen Klangkörper Glocke. Erstaunlich,
dass wir so wenig darüber wissen, obwohl ihr Klang und ihre Form uns von
Kindheit an vertraut sind. Aber woher die Glocke kommt, wie sie "erfunden"
wurde, wissen nur die wenigsten. Zuerst hat wohl die Glocke im 5.
Jahrhundert von Asien kommend in Klöstern Einzug gehalten, um die Mönche
zu ihrem regelmäßigen Gebet zu rufen. Ab dem 7. Jahrhundert bereits kam
sie in die Kirchen: sie rief die verstreut wohnende christliche Gemeinde
zum gemeinsamen Gebet. Im Mittelalter wurden die Zeiten für Arbeit, Gebet,
Freizeit durch Glockenläuten angezeigt, denn eine Uhr - für uns heute
selbstverständlich - gab es für die Menschen noch nicht. Wenn die
Totenglocke läutete, beteten viele für den Verstorbenen ein Vaterunser.
Beim Ertönen der Marktglocke durften die Marktfrauen mit dem Verkauf
beginnen. Und ein Kuriosum: Wenn die Bierglocke schlug, gab es im
Wirtshaus nichts mehr zu trinken!
Ein schlimmes Kapitel ist der Zusammenhang zwischen Glocken und Kanonen.
Es gehört zu den unrühmlichen Kapiteln der Glockengeschichte, dass in
Kriegszeiten Glocken zu Kanonen umgeschmolzen wurden. Denn die Bronze der
Glocke eignet sich auch gut für Geschützrohre. Aber es gibt auch Beispiele
dafür, dass aus Kanonen Glocken gegossen wurden. So die Kaiserglocke im
Kölner Dom von 1873 oder das Naumburger Domgeläut, das aus 14 Kanonen
gegossen wurde. Die bis heute größte freihängende Glocke der Welt ist die
St. Petersglocke im Kölner Dom ( "de decke Pitter" ) mit einem Durchmesser
von 3,22 m und einem Gewicht von 24 000 kg.
Auch die Groß Elber Glocken blieben von den Kriegen des 20.Jhd. nicht
verschont. 1917 wurde die große Glocke in einer Kriegsgebetsstunde
"verabschiedet" und in einer Kanonenfabrik eingeschmolzen. Erst 1931 kam
eine neue Glocke zurück und wurde unter großer Anteilnahme der
Dorfbevölkerung wieder hochgezogen. Doch nicht lange konnte sie die
Menschen zum Gottesdienst rufen. 1942, im dritten Jahr des zweiten
Weltkrieges, wurde sie erneut beschlagnahmt und als Kanone eingeschmolzen.
Es dauerte 20 Jahre, bis mit einer neuen Glocke 1962 das Geläut
vervollständigt wurde.
Die eingegossene Inschrift dieser Glocke macht deutlich, dass Glocken zum
Lobe Gottes erklingen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und
den Menschen ein Wohlgefallen!"
Kurios ist die Inschrift der kleinen Glocke von Groß Elbe, die 1805 von
der hiesigen Gemeinde gespendet wurde:
"Hier die Gemeinde machte mich zum Geschenk, doch mit den Bedeuten, dass
man mich solte ledichlich für Gross und nicht Klein Elbe läuten".
Das klingt weniger fromm, und der Hintergrund ist, dass der damalige
Pastor erbost war, weil sich Klein Elbe nicht an der Finanzierung dieser
Glocke beteiligen wollte. So schwingt dieser Spruch bei jedem Läuten der
kleinen Glocke bis zum heutigen Tage mit. Hätten Sie das gewusst?
Rudolf Brinschwitz
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