| Gemeindebrief |
Nr. 92 |
|
Andacht In unruhigen und hektischen Zeiten ist die Ruhe für die Seele eine große Sehnsucht von uns Menschen. Der Markt der Ruhespender ist ungeheuer groß: angefangen von den Wellnessangeboten überall bis hin zu den oft esoterisch geprägten Veranstaltungen und Wochen enden in Volkshochschulen oder anderen Seminarhäusern. Irgend wie sehnt sich jeder nach dieser Ruhe. Für den Beter des 62. Psalmes bedurfte es dieser Angebote nicht.
Seine Ruhe empfängt er, indem er sein Leben Gott in die Hand gibt.
Und er tut das im Gebet. Gebete, das sind doch Worte, die in den Wind gesprochen sind, sagen Menschen, die mit dem Gebet nichts anfangen können. Taten müssen geschehen, damit die Welt sich verändert, so ergänzen sie dann noch, um deutlich zu machen, dass solche religiösen Handlungen nichts bewirken. Gebet, das ist Gespräch, sich einstellen auf ein Gegenüber. In diesem Falle auf ein Gegenüber, das wir nicht sehen. Im Gebet aber drücke ich aus, da ist ein Gegenüber, dem ich etwas zutraue, dem ich mich anvertraue, von dem ich glaube, dass er mein und das Leben aller in seinen Händen hält. Das erste, was das Gebet ausmacht ist, dass wir einen ganz eigenen
Raum schaffen. Einen Raum, in dem wir zunächst all das loswerden
können, was uns auf der Seele liegt. Wir können es aussprechen, so
wie es in uns ist, so wie wir es empfinden, ohne Angst, dass es in
den Kategorien der Menschen in irgendwelche Schubladen eingeordnet
wird. Die Psalmen erzählen davon, wie Klage, Hass, Misstrauen,
Angst, Dankbarkeit, Vertrauen, Hoffnung vor Gott ihren Ausdruck
finden und den Menschen entlasten, befreien und beflügeln. Und das Stärkste des Gebetes ist, dass es mir zeigt, dass nicht ich der Mittelpunkt der Welt bin, dass nicht alle Last der Welt auf mir liegt, sondern dass Gott all dies trägt. Wo ich mich loslassen kann, da gewinne ich auch eine andere Beziehung zu mir selber, ohne mich klein und mickrig zu machen. Denn vor Gott bin ich groß, von ihm werde ich als wichtig angesehen. Die Unruhe der Seele, die oft genug darin begründet liegt, dass wir uns als diejenigen ansehen, die alles in der Hand haben, sie wird kleiner, wenn wir Gott vertrauen, dass er das Seine tut. Die Hilfe, von der der Beter spricht, sie liegt darin, dass wir im Loslassen offene Hände haben, die das Leben neu in die Hand nehmen können. Deshalb ist Beten eben nicht Reden ins Leere, sondern der Anfang einer neuen Fülle, die ihren Ursprung in Gott hat. Lesen Sie dazu ruhig mal den ganzen Psalm 61, er enthält viele Gedanken, die uns deutlich machen, welche Tiefe das Gebet hat. Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Jürgen Grote
|
||||||
|
© für alle Seiten und Inhalte liegen bei Jürgen Grote |