|
Ernte im Regen
Das Erntedankfest ist
in diesem Jahr überschattet von den Regenfällen des Sommers. Das Getreide hat
überwiegend eine schlechtere Qualität als in den vergangenen Jahren. Bei den
Rüben wissen wir noch nicht genau, was die Nässe für Auswirkungen hat. Es war
ein trauriges Bild, diese niedergedrückten Felder. Niedergedrückt war auch die
Stimmung der Landwirte. Noch erschreckender als das, was wir hier in unserer
Region erlebt haben, war jedoch die Flut in den Elbregionen oder in Bayern. Dort
ging es nicht um schlechtere Qualität, sondern den Verlust von Hab und Gut, von
Arbeitsmöglichkeiten, von Hoffnungen und Träumen. Vielen Menschen ist alles
genommen worden, was ihr Leben ausgemacht hat. Und auch in einigen Teilen des
Nordens wissen Obstbauern noch nicht, ob ihre Bäume im nächsten Jahr noch
Früchte tragen.
Wir hier im Innerstetal
können dankbar sein dafür, dass wir von all dem verschont geblieben sind. Und
auch wenn es die Landwirte wirtschaftlich trifft - und manch einen bis in die
Existenzgrundlage, was wir nicht vergessen dürfen - , wir mussten und müssen
insgesamt außerhalb der Landwirtschaft keinerlei Einschränkungen hinnehmen.
Unser alltägliches Leben ist in keiner Weise davon betroffen.
Wäre ein solcher
Ernteschaden wie bei uns in Hungergebieten der Welt entstanden, sie würden
dankbar Freudentänze aufführen und Gott danken, dafür, dass Lebensmöglichkeiten
da sind, wenn auch weniger als erhofft.
So muss man all das,
was wir in diesem Jahr in der Natur erlebt haben, sehr relativ sehen und dürfen
nicht vorschnell in trübsinnige Gedanken verfallen.
Wir dürfen hier an
dieser Stelle, in unserem Lebensraum hier wirklich dankbar sein für all das, was
Gottes gute Schöpfung uns gegeben hat. Es gibt für uns keinen Grund für
Traurigkeit, sondern für Dankbarkeit angesichts eines Lebens, das trotz aller
Unkenrufe viel besser ist, als Menschen je gelebt haben. Und wenn wir in diesem
Jahr einmal weniger ernten, dann trägt das vermutlich nur dazu bei, dass weniger
Lebensmittel vernichtet werden. (Wobei mir deutlich geworden ist, dass
Qualitätsweizen, der vor allem gelitten hat, nie vernichtet wurde.)
Die Dankbarkeit zum
Erntedankfest muss uns nicht im Halse stecken bleiben, wir dürfen sie laut
äußern und uns freuen und fröhlich sein.
Wenn überhaupt, dann
sollte uns dieser Sommer in neue Nachdenklichkeit versetzen, wie wir leben und
wie wir mit der Natur umgehen. Es wird deutlich, dass das menschliche Leben in
ein System eingreift, bewusst oder im Sinne des Abfallproduktes, das nun die
Folgen davon zeigt. Der Reichtum des Lebens, der Luxus und die unendlichen
technischen Möglichkeiten fordern ihren Tribut. Insofern ist das Erntedankfest
2002 wieder einmal und umso mehr ein Fest, an dem die Verantwortung des Menschen
für die Schöpfung, für sein Leben in dieser Welt deutlich vor Augen tritt.
Gott sagte nach der
Sündenflut der Menschen: Es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter. Von ihm her ist der Fortbestand der Welt im Rhythmus der
Zeitläufe versprochen. Gott will Zukunft, Lebensmöglichkeiten für viele
Generationen, er will diese Welt als seine gute Schöpfung erhalten.
Wollen wir das auch?
Wollen wir das wirklich aus ganzen Herzen und mit aller uns zur Verfügung
stehenden Kraft? Sind wir bereit für diese Welt und die Zukunft unserer Kinder
auch aus Dankbarkeit für das, was Gott uns gibt, unser Leben zu verändern?
Katastrophen werden
sich nie verhindern lassen, aber wir Menschen tun so manches, um sie zu
befördern, weil wir die Konsequenzen unseres Handelns zu wenig bedenken.
Zum Dank gehört mehr
als nur Worte an einem Tag. Es gehört die eine echte innere Verbindung zum
Gegenstand des Dankes und den Geber dazu. Und sie führt zu einem bewussten und
verantwortungsvollen Umgang damit.
Möge uns so das
Erntedankfest zu einer neuen Sicht der Schöpfung und des Umganges mit ihr
führen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr Jürgen Grote
|