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Marianne Fricke – Alles hat seine Zeit...

das ist ihre Lebensphilosophie. Für sie heißt das: Kindheit in Schlesien, die Arbeit als Bäuerin, das Wirken in und für die evangelische Kirche und ihr heutiges Engagement für die Menschen in Schlesien.
Die Eheleute Heinrich und Marianne Fricke sind 35 Jahre lang Gustedter Bauern gewesen, mit Weizen und Zuckerrüben auf ihren Feldern, bis sie altersbedingt vor acht Jahren ihr Land verpachtet haben. Doch nach wie vor betreiben sie ihre bäuerliche Hühnerhaltung mit Selbstver-marktung. Sie verkaufen die Eier ihrer Hühnerschar an Endverbraucher, einen großen Kundenkreis, mit dem schon jahrzehntelang gute Kontakte bestehen.
Doch Marianne Fricke ist keine "Hiesige". Sie ist in Oberschlesien auf einem Bauernhof geboren und hat im heimatlichen Schönwald, Kreis. Kreuzburg, ihre Kindheit verlebt. Bis im Januar 1945 die Flucht vor den Russen erfolgte. Mit einem Pferdegespann ging es zunächst ins Sudetenland, ständig in panischer Angst, dass sie von russischen Truppen eingeholt würden. Doch die Familie konnte entkommen und fand im Lauenstein am Ith eine neue Bleibe.
Mariannes Berufsziel war die Landwirtschaft, und so folgte dem Besuch des Lyceums in Hameln die Ausbildung in ländlicher Hauswirtschaft und landwirtschaftlicher Buchfüh-rung.
Über ihre Mitarbeit in der Landjugend lernte sie ihren Heinrich kennen und 1958 wurde geheiratet; ein Sohn und eine Tochter wurden geboren. Nun war sie Bäuerin auf dem Hof der Schwiegereltern. Sie erinnert sich, dass sie lange Zeit große Probleme hatte, sich in Gustedt einzuleben, wenngleich sie das Dorf und seine Umgebung schön findet Doch wie so viele anderer Schlesier hatte sie ihre Schwierigkeiten mit der Mentalität der Niedersachsen.
In ihrem Herzen ist Marianne Fricke Schlesierin geblieben, und sie hat seit 1972 bewusst und zielstrebig Verbindungen zu ihrer ehemaligen Heimat gesucht und gepflegt. Nicht weil sie dorthin zurückkehren wollte, sondern um den Deutschen zu helfen., die nach 1945 zurückgeblieben waren.
Schon damals hatte sie erkannt, dass es für die Deutschstämmigen in Polen und in anderen östlichen Ländern besser ist, in ihrer Heimat zu bleiben und nicht als "Spätaussiedler" eine un-gewisse Zukunft in Deutschland zu suchen.
Basis für ihre Hilfsaktionen war die Gruppe Wohldenberg der Landfrauen, deren Vorsitzende sie 12 Jahre war. Mit der Aktion "Schlesienhilfe" sammelten die Landfrauen bis zur Wende 1989 gebrauchte, aber noch einsetzbare Landmaschinen, die den Bauern in Polen zur großen Hilfe wurden. Einige Male fuhr Ehemann Heinrich mit einem vollbeladenen LKW zum Güterbahnhof Salzgitter, um die Maschinen mit der Bahn nach Schlesien zu verschicken. Das war für die dort lebenden wichtige, oft lebensnotwendige materielle Hilfe.
Aber noch wichtiger war es für Marianne Fricke, dort das Gefühl zu vermitteln, dass es bei uns viele Menschen gibt, die Schlesien nicht vergessen haben. Ihr Ziel ist, zur Verständigung zwischen Polen und Deutschen beizutragen. Es ist eine geschichtliche Tragödie, dass Schlesien nicht mehr deutsch ist, verspielt durch den wahnwitzigen Krieg Hitlers.
Um den gegenseitigen Hass der Nachkriegszeit zu überwinden, versucht sie seit 30 Jahren Brücken der Verständigung zu den Menschen im heute polnischen Schlesien zu bauen. Für ihre ehemaligen Landsleute in der Bundesrepublik erscheinen monatlich die Kreuzburger Nachrichten, Marianne Fricke betreut die Redaktion dieser Zeitung.
Doch auch in unser Kirchengemeinde ist sie voll engagiert. Seit vielen Jahren hält sie als Lektorin Gottesdienste; für sie ist die Verkündigung des Evangeliums eine liebgewordene Aufgabe. Seit Gründung des Singkreises ist sie aktive Sängerin.
Nicht zuletzt ist die Arbeit im Kirchenvorstand Gustedt zu erwähnen, dessen Vorsitzende sie in der abgelaufenen Amtsperiode war, einer Zeit, in der es in unseren Dörfern heftige Diskussionen um den zwischenzeitlichen Pastor gegeben hat. Die Kirchenvorstände standen zwischen den Fronten.
Marianne Fricke zeigte in dieser Zeit, wie sie zupacken kann: vor allem bei Aufräumarbeiten auf dem Friedhof, in der Kapelle oder auf dem Kirchenboden, wo sie mit dem damligen Kirchenvorstand schrubben, wischen und putzen musste.
Alles hat seine Zeit, ist ihr Motto. Nun ist die Zeit, dass sie sich um ihre fünf Enkel kümmern und in der sie sich mehr ihren Hobbys widmen kann. Und da steht für sie an erster Stelle, die Erinnerung an Schlesien und seine Kultur wach zu halten.
Wir wünschen ihr Gesundheit, Kraft und viel Zeit für ein weiteres erfülltes, erfolgreiches Leben.

Rudolf Brinschwitz
 

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